Sie sind hier: AFS-Komitee Würzburg > Das Komitee > Zeitungsberichte > ...unserer Awayees > 2008/09/30 In der Schule passt niemand auf > 

In der Schule passt niemand auf - Mainpost 30.09.2008

Anja Laufer berichtet von ihrem abenteuerlichen Auslandsjahr in Brasilien

Anja Laufer hat nicht das Übliche gemacht. Sie ist in ihrem Auslandsjahr nicht in ein hochzivilisiertes europäisches oder nordamerikanisches Land gegangen. Für fast ein Jahr lebte sie dagegen in Poçes mitten in der Steppe im Nordosten Brasiliens. Die Stadt ist ungefähr so groß wie Schweinfurt.

 „In Brünnstadt ist dagegen die Hölle los“, zieht Anja einen markigen Vergleich. Brünnstadt ist der kleine Ortsteil ihres Heimatorts Frankenwinheim mit rund 200 Einwohnern. In Poçes konnte sie kaum etwas unternehmen: kein Schwimmbad, keine Vereine, keine Einkaufsmöglichkeit, dafür aber viele arme Menschen. „Da blieb mir nicht viel anderes übrig als nur zur Schule und danach nach Hause zu gehen“, sagt die 17-Jährige.

Nur die Hauptstraßen sind geteert

In Anjas brasilianischem Wohnort auf Zeit sind nur die Hauptstraßen geteert. Die Umgebung ist eine steppenartige Landschaft; die nächstgrößere Stadt liegt eine Autostunde entfernt.

Trotzdem hat es Anja gefallen. Die Familie Pradomarinho mit ihren drei Töchtern mit den klangvollen Namen Yasmin, Dandara und Jade im Alter von 14 bis 19 Jahren war sehr nett. Die Eltern Norma, eine Schulleiterin, und Evandri, ein Buchhalter, waren berufsbedingt meist nicht da, so dass die vier jungen Damen zusammen mit dem Hausmädchen meist das ganze Haus für sich hatten.

Fast unglaublich, was die 17-jährige Frankenwinheimerin über die Lebensbedingungen in Brasilien berichtet: Das Hausmädchen arbeitet ganztags und bekommt dafür umgerechnet etwa 50 Euro im Monat. Damit muss die Frau auch noch ihre zwei Kinder ernähren.

Elektrogeräte Mangelware

Nützliche Geräte wie Waschmaschine oder Spülmaschine gab es selbst im Haushalt der relativ wohlhabenden Gastfamilie nicht. Zum Waschen kam einmal die Woche eine Waschfrau, die die Kleider in kaltem Wasser durchwalkte.

Dafür stand in jedem Zimmer des Hauses ein Fernseher. Immerhin drei Computer hatte die Familie zur Verfügung.

Das Essen war recht eintönig. Irgendetwas mit Reis und Bohnen gab es fast jeden Tag, zum Frühstück nur ein süßliches Weißbrot. „Obst war aber immer da“, berichtet Anja.

Auch mit der Verständigung war es nicht einfach in Brasilien. Anja war die einzige deutsche Austauschschülerin weit und breit, und als sie ankam, konnte die Gymnasiastin nur einige Brocken Portugiesisch. Die hatte sie vor ihrer Abreise bei einer Brasilianerin gelernt, die in Gerolzhofen lebt. Mit der portugiesischen Sprache ging es aber rasant voran bei Anja, weil sie gezwungen war, sich in ihr auszudrücken.

Fast alles anders als daheim

In der Schule war fast alles anders als daheim im fernen Deutschland. „Da hat keiner aufgepasst. Alle haben MP-3-Player gehört oder geschlafen“, erzählt die Frankenwinheimerin. Als Fremdsprache gab es Spanisch, kein Englisch. Dazu kamen die klassischen Fächer Mathematik, Physik und Geografie. Die Prüfungen bestanden aus Multiple Choice Tests (dabei müssen die Antworten nur angekreuzt werden), bei denen die meisten irgendwie durchkamen.

„Trotz allem habe ich das nicht bereut“, sagt die Rückkehrerin. Für sie war das Jahr in Brasilien eine ganz neue Lebenserfahrung. Am wichtigsten dabei, dass sie sich gut mit ihren Gasteltern und Geschwistern verstanden hat. Die Familie Pradomaiinko hat schließlich auch zu einer Horizonterweiterung bei Anja beigetragen, denn sie unternahmen mit ihr Ausflüge ins Amazonasgebiet und in ein Naturschutzgebiet Richtung Paraguay.

Überhaupt sind die Brasilianer sehr gastfreundlich. Nach den USA sind sie das Land, das die meisten ausländischen Gastschüler aufnimmt. Auch die Familie Laufer kann da allerdings mithalten, denn sie hat bereits eine junge Norwegerin und einen Venezolaner für jeweils ein Jahr in ihrem Haus beherbergt. Vermittelt wird ein solches Auslandsjahr von der Organisation American Field Service (AFS).

Überspringen auf Probe

Nach diesem Auslandsjahr mit Schulbesuch darf Anja eine Klasse im Gymnasium überspringen, allerdings nur auf Probe. In Gaibach besucht sie zurzeit die zwölfte Jahrgangsstufe, wo sich zeigen wird, ob das in Brasilien Gelernte reichen wird.

Interessenten für ein Auslandsjahr können sich an den American Field Service wenden. Bewerbungsschluss für den Sommer 2009 ist am 15. Oktober 2008. 

 

30.09.2008