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Eine helle Freude

WÜRZBURG/PROSSELSHEIM
Eine helle Freude

Austauschschüler: "Es ist hier vieles ein wenig anders als bei uns", sagt Martin Machala Der 18-jährige Tscheche ist ein Jahr Gastschüler in Würzburg und nun in Prosselsheim zuhause.

  • Neue Eindrücke: Der 18-jährige Martin Machala aus dem tschechischen Slavkov aus Brna (Brünn in Mähren) ist für ein Jahr als Austauschschüler in Würzburg. Zuhause ist er in dieser Zeit in Prosselsheim bei Familie Petra und Roland Schmid.
    Foto: Rainer Weis

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Seit September beherbergt die Familie Petra und Roland Schmid in Prosselsheim den Austauschschüler Martin Machala aus Slavkov Austerlitz bei Brna (Brünn in Mähren; zweitgrößte Stadt Tschechiens). "Als ich im Flugzeug von Prag nach Frankfurt saß, dachte ich darüber nach, was mich erwartet und ich war mir sicher, dass zwischen Deutschland und Tschechien es keine großen Unterschiede geben wird", erzählt Martin. "Am Frankfurter Flughafen wurden wir von den örtlichen Betreuern abgeholt und auf den ersten Blick erschienen sie mir sehr streng. Und sofort erinnerte ich mich an typische Vorurteile, die mir einige Leute vor meiner Abreise sagten: ,Die Deutschen sind ein kaltes Volk, streng, sehr pünktlich und haben keinen Sinn für Humor.' Und ich fragte mich: Kann ein normaler Kerl aus Tschechien das aushalten?

"Die Deutschen sind ein kaltes Volk, streng, sehr pünktlich und haben keinen Sinn für Humor"

Martin Machala zum Thema: Vorurteile

Heute kann ich nur dazu sagen: Es ist vieles ein wenig anders als bei uns, aber deshalb bin ich ja hier, um das deutsche Volk über alle Vorurteile hinweg kennen und verstehen zu lernen. Und ich werde jeden Tag aufs neue von so viel Herzlich- und Freundlichkeit überrascht, dass es eine helle Freude ist, hier zu sein und das nicht nur, weil ich mich mit meiner Gastfamilie super verstehe."

In Würzburg besucht der 18-Jährige das Riemenschneider-Gymnasium und geht dort in die elfte Klasse. Und da zu Martins Hobbies das Theater spielen gehört, hat er sich auch dort für die Theatergruppe gemeldet. Zur Zeit üben sie am Riemenschneider das Theaterstück Dracula ein und er spielt im gleichnamigen Stück den Dracula als Background-Stimme und in der Anstalt einen Verrückten. Was ihm, wie er sagt, sehr viel Spaß macht.

Mit Martin trafen in Frankfurt aus der ganzen Welt viele Schüler der Jugendaustauschorganisation des AFS ein. Die erste Nacht auf deutschem Boden verbrachten sie in Frankfurt. Am zweiten Tag schwärmte man sozusagen aus "und mein Zug fuhr Richtung Würzburg", erzählt Martin. Dort angekommen erwartete ihn schon ein Teil seiner Gastfamilie - Petra Schmid sowie seine neuen "Brüder" Jakob und Gabriel samt einem gelben Schild auf dem stand: "Willkommen in Deutschland, lieber Martin". "Sie haben mich so nett angelächelt", erinnert sich Martin, "dass das erste Eis schon schmolz."

In seinem neuen Zuhause in Prosselsheim hat er ein eigenes Zimmer. "Nachdem ich ausgepackt hatte, haben wir zusammen im Garten gesessen, und ich erfuhr, wer Dirk Nowitzki ist. So ein berühmter Basketballspieler und ich habe ihn gar nicht gekannt."

Martins sportliche Leidenschaft ist der Fußball. Mit Jakob gehr er zwei Mal die Woche zum Training. Und auch sonst hat er sich schnell integriert. Im Fasching trat er gleich drei Mal als Mitglied eines Männerballetts auf. "Im ersten Teil sind wir brav in Nonnen-Kostümen aufgetreten", erzählt der 18-Jährige schmunzelnd, "aber im zweiten Teil haben wir die Oberkleidung unter großem Applaus abgelegt, bestimmt nur deshalb weil wir unsere sehr trainierten Muskeln gezeigt haben".

Martin fühlt sich wohl in der Gastfamilie: "In Prosselsheim wohnen auch viele Verwandte von Petra und Roland, das ist eine richtig große Familie, das gefällt mir. Meine Schwester und ich sind nur zu zweit und obendrein sind die ältesten Kinder in der Verwandtschaft", sagt Martin, dessen Eltern berufstätig sind; sein Vater ist Computerspezialist, die Mutter ist Postbotin.

Der erste Unterschied, der dem Tschechen ins Auge stach, als er das Riemenschneider-Gymnasium besuchte war: "Hier tragen die Schüler die Schuhe, in denen man gekommen ist. In Tschechien tragen die Schüler meistens Hausschuhe. Und: In meiner Heimat begrüßen wir uns mit ,Guten Tag' und ,Auf Wiedersehen'. Das ,Hallo' und ,Tschüss' sagen wir in Tschechien nur zu jemanden, den wir persönlich kennen".

Und noch etwas überraschte Martin am Schulbetrieb in Würzburg, dass es im Riemenschneider-Gymnasiums keine festen Klassen gibt sondern Kurse. "Bei mir daheim in Tschechien gibt es eine solche Struktur nicht, wir haben bis zum Abitur feste Klassen." Und noch etwas erstaunt den Austauschschüler: "Wie zielsicher meine deutschen Mitschüler auf eine Universität gehen wollen. In meinem Heimatland fehlt leider vielerorts diese Perspektive, sie trauen sich nicht, einen Studiengang anzugehen. Ich finde es auch sehr cool, dass Latein und Englisch zum allgemein Sprachunterricht gehören, dadurch werden die Schüler auf das spätere Studium gut vorbereitet. In Tschechien gibt es meistens Englisch oder Deutsch."

Seit er in Deutschland sei, wisse er, dass die Vorurteile seiner Landsleute "Schmarrn sind", sagt Martin salopp. "Die Pünktlichkeit ist möglicherweise ein Grund, warum die Deutschen so streng aussehen, aber bei den Jungs und Mädels ist Pünktlichkeit schon lockerer als bei Erwachsenen. Auch humorlos sind die Deutschen nicht. In meiner Gastfamilie haben wir viel Spaß miteinander, lachen viel und mein Bruder Jakob ist ein begnadeter ,Verarscher'. Ich kann mich oft nur so ausschütten vor Lachen."

"Mein Opa", sagt Martin, "hat mir zum Abschied eine Flasche mit Slivovic mitgegeben und gemeint: ,Falls du mal Heimweh bekommst.' Aber ich glaube, die bringe ich wieder voll mit nach Hause oder ich schenke sie am Ende meines Aufenthalts meinen Gasteltern, falls sie Sehnsucht nach mir haben." Das könnte durchaus passieren, denn Gastmutter Petra Schmid sagt über Martin: "Wir genießen es richtig, dass er bei uns ist".

Gastfamilien gesucht

Die deutsche Jugendaustauschorganisation "AFS Interkulturelle Begegnungen" arbeitet gemeinnützig und ist Träger der freien Jugendhilfe. Die Zentrale sowie ein Regionalbüro haben ihren Sitz in Hamburg; weitere Regionalbüros gibt es in Berlin, Wiesbaden und Stuttgart. Ziel von AFS ist es, die Entwicklung von interkulturellen Kompetenzen zu fördern und die weltweite Völkerverständigung zu verbessern. Neben dem Schüleraustausch und dem Gastfamilienprogramm bietet AFS die Teilnahme an Freiwilligendiensten im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich sowie interkulturelle Trainingsmaßnahmen an. AFS kooperiert mit Partnerorganisationen in mehr als 50 Ländern. Der Verein finanziert sich aus den Teilnahme- und Vereinsbeiträgen, durch Spenden, Stiftungsmittel und öffentliche Gelder.

 

Interessierte Gastfamilien können sich beim AFS-Regionalbüro Süd bei Katja Schneider unter Tel. 0711-8060769-12 oder E-Mail Katja.Schneider@afs.org melden.

 

Weitere Informationen gibt es unter www.afs.de/gastfamilie.

Von unserem Mitarbeiter Rainer Weis