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Als Gastschüler die Welt entdecken

Als Gastschüler die Welt entdecken

02.05.2012   Ort: Prosselsheim  Von: Christina Uhl Die Kitzinger

Austausch Ein Gastjahr in einem anderen Land zu verbringen ist eine großartige Erfahrung - sowohl für den Schüler als auch für die Familie.

 Der Gastschüler Martin Machala (18) mit seinen Gasteltern Roland und Petra Schmid beim Wandern in der Ramsau Foto: Schmid

Der Gastschüler Martin Machala (18) mit seinen Gasteltern Roland und Petra Schmid beim Wandern in der Ramsau Foto: Schmid

Wer sich als Gastschüler bewirbt, sollte ehrlich sein und auch Kleinigkeiten erwähnen. Denn umso individueller die Anmeldung, desto besser passen Gastschüler und Gastfamilie am Ende zusammen. "Ich musste viele Blätter ausfüllen mit meinen Hobbys, was ich gerne oder ungerne mache, was meine Gastfamilie unbedingt oder auf keinen Fall haben soll, alles Mögliche eben," erzählt der 18-Jährige Gastschüler Martin Machala aus Tschechien. 
 Seit September 2011 ist er bei einer Gastfamilie in Prosselsheim. Schon als 14-Jähriger Junge dachte er das erste Mal darüber nach, ein Gast- oder Austauschjahr zu machen. Er besitzt eine doppelte Staatsangehörigkeit - deutsch und tschechisch. Außerdem war deutsch in der Schule seine erste Fremdsprache - also hat er für sein Gastjahr Deutschland ausgewählt. Er suchte nach einer entsprechenden Organisationen für seinen Austausch. "Ich habe mir AFS ausgesucht. Als ich erfahren habe, dass Stipendien angeboten werden, habe ich mich riesig gefreut," erzählt der Gastschüler. Dieses Stipendium ist ein deutsch-tschechischer Zukunftsfonds, der die Verständigung fördert.
 
 
 
Aller Anfang ist schwer
 
 Martin Machala hatte es am Anfang nicht gerade leicht. Normale Gastschüler machen ihren einjährigen Auslandsaufenthalt in der zehnten Klasse. "Er kann verhältnismäßig gut deutsch und ist schon 18, also haben wir uns für die elfte Klasse entschieden," erklärt Petra Schmid. Seine Mitschüler sind also schon in der Oberstufe und konzentrieren sich auf ihr Abitur. "Sie hatten nicht so den Kopf dafür, sich intensiv um Martin zu kümmern," erzählt Petra Schmid. "Am Anfang war ich immer nur dabei gestanden, doch dann habe ich mich verändert", erzählt der Gastschüler. Auch Petra Schmid erinnert sich daran, dass er ungefähr bis Weihnachten ein eher ruhiger Typ war. "Er hat sich dann auf sein Zimmer verdrückt, das kommt jetzt fast gar nicht mehr vor."
 
 Die Theater AG hat dem Gastschüler sehr geholfen, sich zu integrieren. Anfangs war es zwar schwer, auf deutsch zu spielen. Doch die Schule schrieb sogar das Stück für ihn um. "Ich hatte dann eine Rolle, in der ich meinen Dialekt gut einbeziehen konnte," erzählt der 18-Jährige.
 
 Nach der Schule und am Wochenende verbringt der Gastschüler viel Zeit mit seiner Gastfamilie. "Langeweile kenne ich nicht," sagt er. Seine Gasteltern zeigen ihm so viele Museen, Theater, Konzerte oder andere kulturelle Plätze wie möglich, besuchen Sportveranstaltungen und gehen Wandern. "Ich bin einen 28 Kilometer langen Maraton gelaufen, das hätte ich in Tschechien vielleicht nicht geschafft," erzählt er stolz. "Ich probiere viele neue Hobbys aus, man muss sich nur darauf einlassen." Er spielt oft Kicker, tritt aber auch draußen gerne gegen den Fußball. Lesen ist auch eine seiner Beschäftigungen. Was dem 18-Jährigen aber am meisten in Erinnerung bleiben wird, ist Fasching: "Die Faschingsumzüge waren total verrückt."
 
 
 
Deutsche Sprache, schwere...
 
 "Ich habe ein tschechisches Buch mitgebracht, aber nicht fertig gelesen." Mittlerweile hat der Gastschüler alle Harry Potter Teile auf Deutsch gelesen und kennt schon ein paar Redewendungen und Dialekte auf deutsch. Manchmal liest er etwas vor und seine Gastmutter hört zu. "Sie korrigiert mich, wenn ich eine falsche Aussprache habe." Wenn er ein Wort nicht kennt, schreibt er es sich auf einen Zettel. So lernte er die Sprache immer besser. Anfangs konnte er noch nicht mit anderen Deutschen telefonieren: "Die Leute am Telefon haben so schnell geredet, ich habe nichts verstanden." Dazu kam, dass die Stimmqualität nicht so gut ist. Damit hat er jetzt keine Probleme mehr. Die Lehrer in der Schule haben ebenfalls gemerkt wie sehr sich sein Ausdruck verbessert hat. "Wage es ruhig in der Stunde zu sprechen," hat sein Geschichtslehrer unter einen Test geschrieben. Auf Deutsch träumen, das macht Martin jetzt schon.
 
 
 
Tschechische Vorurteile
 
 Der 18-Jährige hat selten Heimweh, doch er stellt es sich nicht einfach vor, in die Heimat zurückzukommen. In Tschechien gibt es Vorurteile über Deutschland: "Es sei ein kaltes Volk ohne Sinn für Humor. Aber jetzt weiß ich, es stimmt nicht," erzählt der 18-Jährige. Er ist begeistert, wie oft die Deutschen über Geschichte reden und ihre Vergangenheit aufarbeiten. "Die Deutschen haben Fehler gemacht und die Tschechen auch."
 
 Doch nur in Deutschland merkt er, dass die Fehler nicht noch einmal passieren sollen: "Daran müssen wir Tschechen arbeiten." Mit dieser Meinung seinen Freunden in Tschechien gegenüberzutreten könnte schwierig werden, doch Martin Machala möchte seine Erfahrungen trotzdem mitteilen. Gastmutter Petra nennt ihn den "Botschafter seines Landes" , der die Beziehung zwischen Deutschland und Tschechien verbessern will. In ein paar Monaten geht er zurück nach Tschechien, aber er und seine Gastfamilie bleiben weiterhin in Kontakt. "Ich habe Tschechen aus Volkach kennengelernt, die fahren fast jedes Wochenende heim, da kann ich bestimmt mal mitfahren."
 
 Und wie kam Familie Schmid dazu, einen Gastschüler aufzunehmen? Petra Schmids großer Sohn ging als Gastschüler nach
Guatemala und so kam sie zu AFS. "Auch wenn ich keinen Gastschüler hätte nehmen müssen, habe ich mich verpflichtet gefühlt. Dann bin ich bei AFS hängen geblieben," erklärt sie. Es waren schon Gastschüler unter anderem aus Equador, Paraguay und dem Kosovo bei ihrer Familie. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin von AFS nimmt sie auch vorrübergehend Gastschüler auf, die Probleme mit ihrer Gastfamilie hatten. 
 Außerdem organisiert sie Ausflüge und Führungen für Gruppen. "Sie unterbrechen meinen Alltag auf eine ganz ganz positive Art." Sie begeistert die Gewissheit, dass man überall klar kommt, sich um 180 Grad ändern kann, und das Leben trotzdem schön ist. Außerdem lernt sie, was Jugendliche wollen: "Egal, aus welchem Land sie kommen, die Grundbedürfnisse sind bei allen gleich. Sie wollen Liebe, Anerkennung und ein bisschen Spaß."
 
 Einen Gastschüler bei sich aufzunehmen fördert die Entwicklung eines jungen Menschen, bringt Abwechslung im Familienalltag und man kann zuhause eine andere Kultur entdecken. Auch im September 2012 sollen wieder Gastschüler in Deutschland aufgenommen werden. Hierfür werden interessierte Familien gesucht, damit Schüler wie Martin Machala eine solche Chance bekommen können.

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 http://www.infranken.de/nachrichten/lokales/kitzingen/Als-Gastschueler-die-Welt-entdecken;art218,278456