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Gastschüler aus Tschechien 

Prosseisheim. Seit September 2011 beherbergt die Familie Pe­tra und Roland Schmid das Gastkind Martin Machala aus Slavkov aus Brna, zu deutsch Brünn in Mähren. Sie ist die zweitgrößte Stadt Tschechiens. Der Jugendliche ist achtzehn Jahre alt und besucht in seiner Heimatstadt die Wirtschafts­schule mit Deutsch und Englisch als Fremdsprachen. Der Schultyp entspricht unse­rem Wirtschaftsgymnasium. Martin ist in seiner Klasse der einzige Junge "Oh, das ist manchmal nicht einfach, aber ich komme mit meinen Mitschülerinnen super klar". Zu seinen Lieblingsfächern zählen Wirtschaftsrecht, Be­triebswirtschaft und Buch­haltung. Er hat noch eine jüngere Schwester. Beide El­tern sind berufstätig, sein Vater ist Computerspezialist und die Mutter ist Postbotin. Seine Hobbys sind Fußball und Theater spielen. Er be­sucht in Würzburg das Riemenschneider- Gymnasium und geht dort in die elfte Klasse. Zur Zeit üben sie an der Schule das Theaterstück Dracula ein und er spielt im gleichnamigen Stück den Dracula als Background Stimme und in der Anstalt einen Verrückten. Was ihm sehr viel Spaß macht. 

Im Gespräch erzählte Martin Machala: "Am zehnten Sep­tember 2011 saß ich im Flugzeug von Prag nach Frankfurt und dachte darüber nach, was mich erwartet und ich war mir sicher, dass zwischen Deutschland und Tschechien es wohl keine große Unterschiede geben würde. Also war ich sehr neugierig darauf, was auf mich zukommt. Am Frankfurter Flughafen wurden wir von den örtlichen Betreuern abge­holt und auf den ersten Blick erschienen sie mir sehr streng. Und sofort erinnerte ich mich an typische Vorurteile, die mir einige Leute vor meiner Abreise sagten: "Die Deutschen sind ein kaltes Volk, streng, sehr pünktlich und haben keinen Sinn für Humor" und ich fragte mich "Kann ein normaler Kerl aus Tschechien das aushalten?". Heute kann ich nur dazu sagen: 

"Es ist vieles ein wenig anders als bei uns, aber deshalb bin ich ja hier, um das deutsche Volk über alle Vorurteile hin­weg kennen und verstehen zu lernen. Und ich werden jeden Tag aufs neue von so viel Herzlich- und Freundlichkeit über­rascht/ dass es eine helle Freude ist, hier zu sein und das nicht nur, weil ich mich mit meiner Gastfamilie super verstehe. Am gleichen Tag trafen aus der ganzen Welt viele Schüler der Jugendaustauschorganisation vom AFS in Frankfurt ein. Die erste Nacht auf deutschem Boden verbrachten wir in Frank­furt. Am zweiten Tag sind wir ausgeschwärmt und mein Zug fuhr Richtung Würzburg, dort angekommen wurde ich schon von meiner neuen Familien erwartet. Auf der Fahrt nach Würzburg war ich schon nervös. Ich hoffte nur, dass ich sie erkenne werde und dass wir uns verstehen. Meine Familie Pe­tra und Roland sind meine Eltern, Jakob ist der ältere Bruder, Gabriel der jüngere Bruder und Judith meine Schwester. Ju­dith ist seit August in Kolumbien. Am Bahnsteig haben meine Mama und meine Brüder auf mich gewartet und sie hatten ein gelbes Schild in der Hand auf dem stand: "Willkommen in Deutschland, lieber Martin". Sie haben mich so nett ange­lächelt/ dass das erste Eis schon schmolz. Sie haben mir die Stadt gezeigt und wo ich demnächst zur Schule gehen werde. Daheim in Prosseisheim habe ich ein schönes, eigenes Zim­mer bekommen. Nachdem ich ausgepackt hatte, haben wir zusammen im Garten gesessen, einen Kaffe getrunken und 8 Kuchen gegessen und uns unterhalten und ich erfuhr, wer Dirk Nowitzky ist. So ein berühmter Basketballspieler und ich habe ihn gar nicht gekannt. Am Abend im Bett, hatte ich ein schönes Gefühl, dass ich in die richtige Familie gekommen bin. Und dieses Gefühl hat mich bis heute nicht verlassen. Mit Jakob spiele ich Fußball und gehe mit ihm zwei mal die Woche zum Training. Mit ihm und einigen Mitspielern gehen wir auch schon mal in die Diskothek oder unternehmen sonst was und so wurden sie meine ersten Freunde in Deutschland. Jetzt an Fasching hatten wir drei Auftritte als Männerballett. Im ersten Teil sind wir brav in Nonnen- Kostümen aufgetreten und im zweiten Teil haben wir die Oberkleidung unter gro­ßem Applaus abgelegt, bestimmt nur deshalb weil wir unsere sehr trainierten Muskeln gezeigt haben. 

In Prosseisheim wohnen auch viele Verwandte von Petra und Roland, das ist eine richtig große Familie, das gefällt mir. In Tschechien habe ich eine Schwester und wir sind nur zu zweit und obendrein sind wir die ältesten Kinder in der ganzen Ver­wandtschaft. Wenn wir uns hier alle auf den Geburtstagfeiern oder an Weihnachten treffen, so sind wir eine große Familie und es macht wirklich Spaß, mitten drin zu sein. 

Dank meiner Familie habe ich auch vieles aus Deutschland gesehen. Im Oktober waren wir 4 Tage am Brombachsee, in der Stadt Rothenburg, wo ich den berühmten Schneeball ge­gessen habe. Mit meiner Mama war ich in Würzburg in der Residenz, auf der Festung und in einigen Kirchen. Besucht haben wir auch die Stadt Bamberg und Schweinfurt. Im dor­tigen Georg- Schäfer- Museum haben wir uns die Gemälde von Carl Spitzweg angesehen und in Iphofen die Ausstellung von Karl May. Beim anschließenden Besuch auf dem Schwan­berg hatten wir einen schönen Ausblick in die Umgebung. Dort oben hat Petra viel aus der Geschichte der Orte erzählt. Mit unserem Komitee Würzburg waren wir in München zum Oktoberfest und in Nürnberg auf dem Christkindlesmarkt. Bei den beiden AFS Camps in Mühldorf und Forchheim habe ich viele Austauschschüler kennen gelernt und ich hoffe, dass einige Freundschaften auch nach diesem Austauschjahr an­halten. Während des ersten Camps haben wir Englisch ge­sprochen und im Zweiten haben wir ohne Probleme deutsch miteinander gesprochen. 

Im Riemenschneider- Gymnasiums in Würzburg haben keine wir keine feste Klasse, nur Kurse. In Tschechien gibt es eine solche Struktur nicht, wir haben bis zu dem Abitur nur feste Klassen. Zur Verbesserung meiner Deutschkenntnisse lese ich gerne die Tageszeitung und chatte gerne in Facebook mit meinen Mitschülern, so lerne ich, aktuell mit der Sprache umzugehen. 

Ich staune, wie zielsicher meine deutschen Mitschüler auf eine Universität gehen wollen. In meinem Heimatland fehlt lei­der vielerorts diese Perspektive, sie trauen sich einfach nicht, einen Studiengang anzugehen. Dabei wäre es für mein Hei­matland wichtig, mit den übrigen Europäern Schritt zu hal­ten denn auch wir in Tschechien haben und hatten große Persönlichkeiten, die Europa geprägt haben. Ich finde es auch sehr cool, dass Latein und Englisch zum allgemein Sprach­unterricht gehören, dadurch werden die Schüler auf das spä­tere Studium gut vorbereitet. In Tschechien gibt es meistens Englisch oder Deutsch. Doch das Sprachniveau der zweiten Sprache ist meistens nicht so hoch wie das Niveau der zwei­ten Sprache in Deutschland. Der Religionsunterricht ist auch sehr interessant und macht mir auch ziemlich viel Spaß. In Tschechien gehört der Religionsunterricht zur Sozialkunde. Ach, ja eine Besonderheit gibt es noch im Schulbetrieb, hier tragen die Schüler die Schuhe, in denen man gekommen ist. In Tschechien tragen die Schüler meistens Hausschuhe. 

In meiner Heimat begrüßen wir uns mit "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" das "Hallo" und "Tschüss" sagt man nur zu jemand, den man persönlicher kennt.

Seit ich in Deutschland bin, sehe ich die viele Vorurteile meiner Landsleute als absurdum und salopp gesagt ist alles Schmarrn. Die Pünktlichkeit ist möglicherweise ein Grund, warum die Deutschen so streng aussehen, aber Pünktlichkeit bei den Jungs und den Mädels ist schon lockerer als bei Erwachsenen. Auch das Vorurteil humorlos kann ich so nicht stehen lassen, denn Humor, das ist etwas, was mir überhaupt nicht fehlt in meiner Familie wir haben viel Spaß miteinander und mein Bruder Jakob ist ein begnadeter "Verarscher" und ich kann mich oft nur so vor Lachen schütteln. Ich kann mich an kein Abendessen erinnern, bei dem ich nicht gelacht habe. Mein Opa hat mir zum Abschied eine Flasche mit Slivovic mitgegeben und gemeint: "Falls du mal Heimweh bekommst/~ aber ich glaube die bringe ich wieder voll mit nach Hause oder ich schenke sie am Ende meines Aufent­halts meinen Eltern, falls sie Sehnsucht nach mir haben. 

 

Petra Schmid: "Martin hat sich in unserer Hausgemeinschaft sehr gut eingefunden und ist auch im Ort überall herzlich willkommen. Seine offene Art hat sein gesamtes Umfeld ob Schule, Sportverein oder Gemeinde bereichert. Wir genießen es richtig, dass er bei uns ist. 

 

Das ist AFS 

 

Lust auf frischen Wind in den eigenen vier Wänden? Ein inter­nationaler Austauschschüler lässt Gastfamilien das gewohnte Umfeld ganz neu erleben. AFS Interkulturelle Begegnungen eV. sucht immer weltoffene Familien in Unterfranken, die auch in 2012 einen 15-18-jährigen Gastschüler für ein Schul­jahr oder Schulhalbjahr aufnehmen. 

 

Interessierte Familien, die selbst spannende interkul­turelle Erfahrungen sammeln möchten, können sich beim AFS-Regionalbüro Süd bei Kat ja Schneider unter 0711-8060769-12 oder Katja.Schneider(at)afs.org melden. Weitere Informationen gibt es unter www.afs.de/gastfamilie 

 

text+bild rainer weis