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Guillermo aus Bolivien

Foto: Norbert Hohler

Gastschüler aus Bolivien befürchtete, dass es in Sommerach weder fließendes Wasser noch Strom gibt

 

Das ist schon irgendwie witzig: Vor kurzem wurde Sommerach in Berlin mit Gold ausgezeichnet, ist jetzt auch ganz offiziell eines der schönsten Dörfer Deutschlands. Und einer, der bei der Preisverleihung dabei war, hatte ein paar Monate vorher noch eine verblüffend andere Vorstellung von der Gemeinde an der Mainschleife: Guillermo Sandi Scott kommt aus Bolivien, „und bei uns gibt es keine schönen Dörfer, sondern nur große Städte“.

Und deshalb befürchtete der Gastschüler im Herbst 2013, in Deutschland in einem Kaff zu landen, in dem es weder Strom noch fließend Wasser gibt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. „Und zu Hause haben Bekannte zu mir gesagt: Der Süden ist der schlechteste Teil von Deutschland, auch die Menschen sind seltsam.“ Nicht einmal der Link von Sommerach, den ihm Gastmutter Sandra Schäffer gemailt hatte, taugte

zur Beruhigung des 15-Jährigen. „Ich hielt für möglich, dass im Internet etwas gezeigt wird, was mit der Realität nichts zu tun hat.“

 

 

 

„Ich will die Gegend mit dem Mountainbike erkunden.“

Guillermo aus Bolivien ist begeistert von den Weinbergen

 

Als er vergangenen September mit seinen Eltern nach Deutschland kam, war der groß gewachsene Schüler total angenehm überrascht. „Wir waren in München, wir waren in Neuschwanstein. Jetzt bin ich überzeugt, dass der Süden der schönste Teil von Deutschland ist.“

Auch in Sommerach bei seiner Gastfamilie fühlt sich Guillermo pudelwohl. „Der Ort ist schön, alles sauber, große Häuser. Und natürlich gibt es Wasser und Strom“, sagt er lachend. Mit Benjamin Schäffer besucht er das Egbert-Gymnasium Münsterschwarzach – Guillermo die 10. Klasse, Benjamin die 11. Wie Sommerachs Jugendbeauftragte Maria Sauer beobachtet hat, zieht Guillermo die Blicke vieler Mädchen auf sich. „Er ist groß, schlank, hat braune Augen und dunkle Haare. Das kommt unglaublich gut an.“

Guillermo hört es mit einem Lausbuben-Lachen, auch Benjamin grinst sich eins. Was den Schüler aus Bolivien an der Mainschleife begeistert, sind die Weinberge. „Kilometer um Kilometer, echt Wahnsinn. Ich freue mich schon auf sonnige warme Tage. Dann will ich die Gegend mit dem Mountainbike erkunden. Und was ich auch gerne mag, ist mit Kumpels in Würzburg abhängen.“

Zu Hause hat der 15-Jährige drei Brüder und Zwillingsschwester Patricia. Seit er von Deutschland schwärmt, will sie unbedingt auch bald kommen. „Dabei hatte ich ursprünglich vor, nach Frankreich zu gehen. Das wäre von der Sprache her für mich einfacher gewesen. Aber meine Mama war früher mal für sechs Monate in Deutschland, und sie hat mir geraten, lieber dorthin zu gehen.“

 

„Klar denke ich an meine Familie. Aber eigentlich fehlt mir hier nichts.“

 

Heimweh hat Guillermo nach eigenen Worten so gut wie nie. „Klar denke ich an meine Familie. Oder an meine Freunde. Aber eigentlich fehlt mir hier nichts.“ Auch die fränkische Hausmannskost hat der junge Mann schätzen gelernt. „Mir schmeckt es hier gut, mein Lieblingsessen sind Spätzle. Aber an manchen Tagen hätte ich auch Lust auf bolivianisches Essen, zum Beispiel auf Empanadas, das sind gefüllte Teigtaschen.“

Kumpel Benjamin wird im Übrigen nicht im Gegenzug als Gastschüler nach Bolivien gehen. „Ich will jetzt die Schule fertig machen. Eher kann ich mir vorstellen, dort später mal einen Urlaub zu verbringen.“

Guillermo hingegen bastelt schon jetzt an einer Rückkehr-Option: Wenn er sein letztes Schuljahr in Bolivien hinter sich hat, will er wieder nach Europa kommen, dann als Volunteer. „Ich denke an die Tschechische Republik. Dann ist es nicht weit nach Bayern, nach Sommerach.“ Jetzt, wo das Dorf seinen Schrecken verloren hat – von wegen ohne Wasser und Strom – sind das ja ganz andere, sprich rosige Aussichten.

 

(Mainpost, Februar 2014)