Die Zeit verfliegt

20.12.2010

Hallo ins verschneite Deutschland!

Ich habe gerade einmal nachgeschaut, wann ich die letzte Rundmail geschrieben habe, damit ich weiß, wo ich weitererzählen muss. Es war genau vor einem Monat – seit dem ist so viel passiert! Ich beginne einfach mal, mit dem Kalender neben mir liegen, damit ich auch ja nichts vergesse!

Passend zum 1. Advent ging ich zum zweiten Mal in China in die Kirche. Ich weiß, dass ist nicht viel. Doch da ich hier jedes Mal –egal zu welcher Kirche – sehr lange Strecken hinter mich legen muss, fällt der Kirchenbesuch eher selten aus. Denn ich möchte es keinen Stress werden lassen, sondern es genießen. Mein erster Kirchenbesuch war in einer chinesischen katholischen Kirche. Der Gottesdienst war ganz auf Chinesisch und die Besucher waren auch alle Chinesen – außer mir. Es war ein wirklich interessantes Erlebnis. Die Predigt ging über Dankbarkeit. Insgesamt wird in chinesischen Gottesdiensten eher die Familienthematik angesprochen, logischerweise wird nicht über irgendwelche polit. Themen oder so gepredigt. Denn dann müsste die Gemeinde ja im Untergrund agieren und wäre nicht von der Regierung geduldet… Ja und am 1. Advent dann kam das komplette Gegenteil: Ein Gottesdienst für Ausländer in der Community Church. Es wurde der Pass kontrolliert, dass auch wirklich nur Ausländer hinein können. Das ist auch Vorschrift der Regierung. Es gibt dort auch Gottesdienste, an denen die Chinesen teilnehmen können, doch da ist der Inhalt dann anders. Nur unter den Bedingungen kann die Kirche ihre Gottesdienste abhalten. Im Gottesdienst selbst wurde viel gesungen, es fanden Taufen statt, die Adventskerze wurde angezündet und es gab eine Predigt. Die Stimmung war sehr gut, es waren im Gegensatz zu der anderen Kirche sehr viele junge Menschen dort. Die Kirche war voll.

Die drei Tage nach dem 1. Advent war ich dann am Moganshan. Das ist ein Naherholungsgebiet etwa 3 Stunden von Shanghai entfernt. Der Aufenthalt war von HandsOn Shanghai organisiert und wir bekamen die Unterkunft am Naked Retreat kostenlos. Es war ein herrliches Haus, in dem wir wohnten. Alte Möbel, Öfen zum Beheizen, mitten in der Natur von Bambuswäldern und Bergen. Man konnte trotz der Arbeit wirklich mal entspannen. Morgens ging ich meist erst einmal spazieren um die Natur, die gute Luft und den Abstand von der Großstadt zu genießen. Bekocht wurden wir auch gut und mussten uns nicht selbst kümmern. Wir bekamen den Aufenthalt vom Naked Retreat (so heißt der Betrieb, der diese Unterkünfte aufgebaut hat) gesponsert, da wir ja eine NGO sind und unsere Chefs sich kennen. Es ist ein Haus gewesen, in dem Jane Goodall auch schon war und es als umweltfreundlich ausgezeichnet hat. Wir hatten zwei Gründe, warum wir diesen Ausflug machten: Teambuilding und die Eröffnung des neuen Büros im Februar. Für das Teambuiding spielten wir gemeinsam viele Spiele, z. B. Werwolf, Pantomime. Wir unterhielten uns und verbrachten einfach drei Tage zusammen, was auch zusammenschweißt. Unser Chef, den wir sonst nur selten zu Gesicht bekommen, war auch dabei. Er ist wirklich nett und lustig. Ach ja, er ist Amerikaner, falls ich das noch nicht geschrieben habe. Ansonsten hatten wir den Tag über Meetings in denen wir viele Themen für die Eröffnung des neuen Büros diskutierten, neue Pläne machten,…  . Wir werden Anfang nächsten Jahren offiziell registrierte NGO, was bisher ja nur Roots & Shoots ist. Dafür müssen jetzt viele Vorkehrungen getroffen werden. Bisher waren die Angestellten ja im Prínzip als Arbeitslose gemeldet, keiner hatte ein offizielles Gehalt, einen Vertrag oder eine Versicherung. Das muss jetzt alles nachträglich gemacht werden. Außerdem stellt die Regierung ein zweites Büro für uns zur Verfügung, dass ein Freiwilligenzentrum werden soll, mit vielen Vorträgen, Aktivitäten und einen Büro. Die Freiwilligenkapazität, die Anzahl der Aktivitäten und die Angestelltenzahl wird sich etwa verdoppeln oder verdreifachen…Dafür ist viel Arbeit zu tun…

Zurück in Shanghai hatte ich dann sehr viel Arbeit. Denn ich hatte erfahren, dass wir noch im Dezember unser Midstay Camp haben würden, obwohl ja die Hälfte noch nicht vorüber ist. Doch später war wegen des chin. Neujahres nicht möglich… Ich war dafür Verantwortlich die Weihnachtsfeiern für alle unsere Einrichtungen zu planen und vor Ort durchzuführen. Außerdem sollte nach meiner Rückkehr vom Midstay noch ein Workshop stattfinden, den ich selbst organisiert hatte. Das bedeutete vor dem Midstay, wie gesagt, sehr viel Arbeit. Und auf dem Midstay hatte ich auch meinen PC dabei… Doch ich bekam, Gott sei Dank, alles gebacken und schaffte es sogar noch, mich vor dem Midstay, das in Henan, einer anderen Provinz Chinas im Inland, stattfand, mit Winterkleidung einzudecken. Das war auch dringend nötig, denn langsam wurde es hier auch kälter.

Außerdem hatte ich noch einige Treffen für unser Million Tree Project, um weitere Geldquellen anzuzapfen. Als ich von einem Treffen abends heimging, da sprach mich plötzlich eine junge Frau, vllt 4-5 Jahre älter als ich, auf der Straße an. Sie fragte, ob ich Chinesisch spreche und ich bestätigte es. Danach redete sie wie wild auf mich ein und folgte mir lange Zeit – ihre Freundin im Schlepptau. Sie sagte, sie seien gerade aus Hefei nach Shanghai gekommen und hätten noch keine Arbeit gefunden. Geld sei auch keines mehr übrig und sie seine hungrig. Sie bat mich, ihnen ein Abendessen zu kaufen. Als ich das hörte, war ich nicht sicher, was ich tun sollte. Denn bei Bettlern weiß man nie, ob es stimmt, was sie sagen. Doch als sie nach längerer Zeit immer noch nicht locker ließ, dachte ich: Wenn ich ihnen Essen kaufe und kein Geld gebe, dann ist zumindest die Möglichkeit, dass sie das Geld für irgendwas anderes nutzen, ausgeschlossen. Also kaufte ich ihnen an der nächsten Straßenecke Essen und ein Getränk. Sie sahen eigentlich nicht wie Bettler aus, die zwei. Doch wenn ich ihnen nicht geholfen hätte und sie es wirklich nötig hatten, dann wäre es ja auch blöd gewesen. Diesen Zwiespalt mit Bettlern hat man immer wieder. Nach der Expo sind es wieder viel viel mehr geworden. Viele wurden ja als Kinder irgendwie massakriert, sodass sie erbärmlich aussehen und man leichter Spenden gibt. Doch dahinter stecken dann irgendwelche Gemeinschaften, die ihnen das Geld abnehmen. So habe die Bettler selbst oft nichts davon. Daher ist es schwer, zu entscheiden, ob man geben soll. An diesem Abend vertraute ich einfach mal wieder ins Gute des Menschen und glaubte den zwei Mädchen. Immerhin, so glaube ich, muss einem Menschen schon viel passieren, dass er sich zum Betteln bewegen lässt, denn Spaß macht es ihnen sicher nicht.

In vielen Situationen, auch in solchen, wird mir immer klar, wie privilegiert ich doch eigentlich bin, abgesehen von all dem Lebensstandard. Im Moment machen ich mir viele Gedanken dazu, wie es nach China für mich weitergehen soll. Das nervt mich manchmal, denn ich habe so viele Möglichkeiten offen und es ist sehr schwer, da das Richtige und Passende auszuwählen. Doch eigentlich ist es ein riesiges Privileg. Zunächst mal, dass ich so viele Möglichkeiten habe, dann aber auch, dass ich mir darüber Sorgen machen kann und nicht über etwas anderes machen muss! Und dann bin ich wieder unglaublich dankbar dafür, was mir alles geschenkt und gegeben wird. Auch wenn ich dadurch bei meiner Entscheidung kein Stück weiter gekommen bin ;-) Aber das Problem wird sich mit der Zeit schon lösen…

Dann fuhren wir aus unser Midstay nach Henan. Wir, das sind ein Roots & Shoots- Angestellter, ein deutscher CSPler (bleibt nur 6 Monate in Shanghai) und wir 8 Deutschen vom Weltwärtsprogramm. Die Zugfahrt dauerte jeweils etwa 16 Stunden, wir nahmen den Nachtzug. Habe ich schon mal erwähnt, wie sehr ich Zugfahren in China mag? ;-) Die 5 Tage in Henan, in der kleinen Stadt Xuchang, sollten ein Erlebnis werden… 2 Tage waren wir in Gastfamilien untergebracht, 3 Tage im Hostel. Die Organisation des ganzen Midstays war total chaotisch, nichts war geplant – China eben! Und den eigentlichen Inhalt eines Midstay, die Aufarbeitung des bisher erlebten, arbeiteten wir in 2 Stunden am Vormittag ab ;-) Ich konnte mal wieder nur über die Chinesen staunen! Da ist dann eben Eigeninitiative gefragt! So machten zwei andere Mädels und ich unser Midstay dann eben am Abend im Hostel alleine. Wir redeten immer bis spät in die Nacht und es war wirklich schön.

Mir viel mal wieder auf, wie sehr Shanghai von Ausländern geprägt ist und wie anders es ist als der Rest Chinas. In Xuchang waren wir praktisch den ganzen Tag auf dem Präsentierteller, Fotos, Fotos, Fotos. Jeder wollte eines mit dem Ausländer haben oder mal sein Englisch probieren,… Das ist natürlich von viel krasser, wenn man nur so kurz da ist…denn man hat keine Zeit, das Ausländerdasein für die Chinesen zum Alltag werden zu lassen. In der Gastfamilie ging es sehr viel um Essen. Natürlich waren sie nicht informiert, dass ich Vegetarier bin und hatten am ersten Tag Unmengen an Fleisch aufgetischt. Auch sonst ging es während der Tage praktisch von Essen zu Essen. Essen ist in China eben  ein wichtiger Teil der Kultur, einer der wenigen, die noch wirklich gepflegt und nicht vergessen werden… Doch mir wurde mal wieder bewusst, wie viel die Chinesen wegwerfen. Denn in meiner Shanghaier Gastfamilie wird alles aufgewärmt – westlicher Einfluss! Am letzten Tag in Henan konnten wir dann auch noch eine Besichtigungstour machen. Wir fuhren zunächst zum Shaolin Kloster. Denn Henan ist ja die Wiege des Shaolin. Danach wollten wir eigentlich noch in ein Nonnenkloster und dort essen, denn dort gibt es rein vegetarische Küche. Doch aus irgendwelchen Gründen fuhren wir dann doch weiter, was ich schade fand, und aßen in einem Restaurant, in dem das Hühnchen, das die anderen verzehren wollten, direkt vor unseren Augen geschlachtet wurde. Am Nachmittag gings dann zu den Longmen Grotten – Weltkulturerbe. Es war sehr beeindruckend. Es sind unzählige Grotten, in denen früher allen Buddhas gestanden waren. Doch viele wurden von Ausländern geraubt oder in der Kulturrevolution zerstört. So haben die meisten Buddhas, die noch  da sind, kein Gesicht mehr. Am Abend ging es dann mit dem Zug wieder zurück nach Shanghai.

Am Donnerstag kamen  wir an.

Von Freitag bis Sonntag hatte ich dann einen Arbeitsmarathon vor mir, denn meine Weihnachtsfeiern begannen. Freitag und Samstag fuhr ich also mit 2 Weihnachtsbäumen  aus Plastik und Weihnachtsmannkostümen quer durch die Stadt, von Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier. Wir sangen Lieder, bastelten Weihnachtsschmuck und verschenkten Geschenke. Eigentlich finde ich es nicht so gut, dass hier in China Weihnachten so vermarktet wird, denn das gibt es hier ja eigentlich nicht so – chinesisches Neujahr ist das wichtigste Fest hier. Es ist westlicher Einfluss und wird vor allem des Konsums wegen vermarktet. Doch andererseits denke ich mir, wenn ich durch meine Weihnachtsfeiern den Behinderten, den Alten und den Kindern eine Freude machen kann, ihnen das Gefühl geben kann, dass sich jemand um sie kümmert, sie jemand besucht,…dann habe ich ja abgesehen vom ganzen Konsum und der Vermarktung von Weihnachten denn Sinn und Zweck und die Botschaft Weihnachtens auch erfüllt.

Am Sonntag hielt ich dann einen Workshop ab – mein erster eigener und noch dazu in Chinesisch! Er fand im Altenheim statt und sollte unsere Freiwilligen dazu ermuntern, öfter an den Aktivitäten dort teilzunehmen. Dafür, dass es das erste Mal war, lief es recht gut ab. Zunächst hielt ich einen Vortrag darüber, warum dieses Programm in den Altenheimen und die Sorge für die Alten so wichtig ist – danke für die vielen Hilfen. Ich stellte unser Programm vor und wir tauschten Erfahrungen aus. Dann hatte ich eine Psychologin eingeladen, die auch zu dem Thema sprach. Zum Schluss lernten wir dann ein paar Lieder, die man mit den alten Menschen singen kann und ein paar Spiele, die man mit ihnen machen kann.  Wir gingen in die Zimmer der alten Menschen und probierten es gleich aus. Ich war am Tag zuvor für die Weihnachtsfeier schon dort gewesen und viele erinnerten sich noch an mich. Sie waren von unserer Anwesenheit wirklich erfreut und bewegt. Ein Mann musste sogar weinen, weil er so gerührt und glücklich war. Das sind Momente, in denen man so viel zurückbekommt, das ist unglaublich!

Am Abend verabschiedeten wir dann noch eine Arbeitskollegin, die bald nach Guangzhou geht. Sehr schade, denn sie ist wirklich nett. Wir kochten gemeinsam, unterhielten uns und spielten.

Die Mail ist mal wieder sehr lange, daher werde ich den Rest einfach das nächste Mal schreiben. Nur möchte noch ein paar Fragen zur letzten Rundmail beantworten:

Meine Arbeitskollegin, deren Hochzeit wir beiwohnten, hatte zuvor schon geheiratet. Sie waren einfach auf dem Standesamt und ließen sich eintragen. Das ist nichts Spektakuläres. Eine richtige Zeremonie gab es auch nicht. Auf der Feier gab es nur ein paar Symboliken, wie das Essen der Tangyuan. Doch überall in China ist die Hochzeitsfeier etwas anders. Und sie sagte mir, dass ihre Eltern sie nicht als verheiratet ansehen würden, hätte sie diese Feier nicht abgehalten.

Anders als viele andere Weltwärts-Freiwillige bin ich in meinem Projekt wirklich ausgelastet. Das freut mich sehr. Ich glaube, das liegt vor allem an meinen Sprachkenntnissen. Denn den anderen Freiwilligen hier geht es oft auch nicht so. Es ist sehr wichtig, die Sprache des Landes, in das man geht, schon zu beherrschen – bei den meisten Arbeiten zumindest. Auf der Biofarm geht es auch ohne Sprachkenntnisse. Doch im Büro oder in Schulen/Kindergärten,… ist es unbedingt nötig, wenn man wirklich helfen möchte.

Von daher bin ich super glücklich, dass ich ein so gutes Projekt bekommen habe und das Jahr in der Weise nutzen kann, in der ich es mir vorgestellt habe. Ich kann mir nichts schöneres Vorstellen, was ich mit meiner Zeit anfangen könnte!

Ich wünsche euch/Ihnen allen noch ein paar letzte, hoffentlich nicht zu stressige Adventstage!

Viele Grüße,

Theresa