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Aus der Großstadt ins ländliche Rieden

Ein schwerer Abschied steht Familie Stark in Rieden wieder einmal bevor. Nur noch wenige Stunden sind es, dann steigt der 16-jährige Jon Vellez Ugidos in den Flieger, der ihn zurück in seine spanische Heimat nach Bilbao bringt. Zehn Monate hatte er als Austauschschüler bei den Starks gelebt.

Jon ist nicht der erste Austauschschüler, der über das AFS-Programm bei Elke und Harald Stark sowie deren 13-jährigen Sohn Laurin gelebt hat. Schon acht Jugendliche aus aller Welt hat die Familie Jahr für Jahr bei sich aufgenommen. Sie kamen aus Kolumbien, den USA, Südafrika, Norwegen, Italien, Japan und nun Spanien. Alles waren Jungs, bis auf eine Japanerin.

„Wir haben nun Kinder in aller Welt“, sagt Gastmutter Elke. Sie hat alle ins Herz geschlossen und pflegt weiterhin Verbindung zu ihnen. „Die emotionale Bindung ist da. Man verliert immer ein Kind, wenn es nach zehn Monaten wieder geht“, sagt sie. Trotz weiterem Kontakt über Telefon, Mail und Skype.

Warum tut sich Familie Stark das an? „Ja, die ersten beiden Monate sind immer hart“, gestehen die Starks. Die Jugendlichen kommen aus einer anderen Kultur, können kaum Deutsch, sind unsicher und müssen begleitet werden. Aber es sei so aufregend und befriedigend, ihre Entwicklung zu sehen. Wenn ein Austauschschüler neu in die Familie kommt, sei das wie das Öffnen einer Wundertüte, meint Elke Stark. Über AFS bekommen die Familien zwar Fotos und eine kurze Beschreibung. Manche skypen auch schon miteinander. Aber wie der Mensch wirklich ist, was er denkt und braucht, das werde erst nach und nach sichtbar.

Jon hatte es relativ einfach. Seine Mutter stammt aus Aachen und sein älterer Bruder war schon Austauschschüler in München. Dadurch konnte er schon etwas Deutsch, aber an den Dialekt in Rieden musste er sich trotzdem erst gewöhnen. Und an das Leben auf dem Land auch. „Hier ist es perfekt gewesen“, strahlt Jon am Ende seines Aufenthalts. Er hat mit Freude das Riemenschneider-Gymnasium in Würzburg besucht, im Riedener Fußballverein mitgespielt, eigene Freunde gefunden und über AFS Ausflüge mitgemacht. So lernte er das Land kennen.

Er hat auch „bei Oma Anna“ die Kaffeenachmittage genossen. Trotz großer Skepsis am Anfang. „Kaffeetrinken mit der Oma“, das ist nämlich ein fester Programmpunkt bei den Starks. Dass es jedes Mal ein großes Hallo bedeutet, wenn gut zehn Familienmitglieder zusammen kommen, das konnte Jon nicht ahnen. Er konnte auch nicht wissen, dass in einem Dorf mit 740 Einwohnern so viele Vereinsfeste gefeiert werden. Und dass die Deutschen „zwar schon pünktlich sind, aber viel lockerer, als ich dachte.“

Auch die Vorstellung, um sechs Uhr aufstehen und eine dreiviertel Stunde mit dem Bus zur Schule nach Würzburg fahren zu müssen, das habe ihn zunächst völlig abgeschreckt. Aber mehr und mehr fand er Gefallen daran, hörte Musik oder unterhielt sich. „Ich rate allen Austauschschülern, im Vorfeld gar nicht so viel von der Familie wissen zu wollen. Es ist alles viel besser, als man denkt“, sagt er heute.

Ein bisschen Heimweh habe er manchmal schon gehabt, aber per WhatsApp oder Skype hielt er doch stets Kontakt mit daheim. „Ich bin hier stärker geworden“, ist Jon sicher. Er habe viele nette Menschen und neue Bräuche kennen gelernt. Dazu zählt er Weihnachtsfeiern mit einer Feuerzangenbowle, den Fasching oder die Arbeit im Heimat- und Kulturverein, bei der Familie Stark engagiert ist. Er war wirklich ein Kind der Familie, kein Gast. Den Starks liegt viel daran, ihr eigenes Leben weiter so leben zu können, wie sie es gewohnt sind. Katerstimmung am Morgen, verstrubbelte Haare oder im Schlafanzug am Frühstückstisch, das müsse ein Gastschüler einfach aushalten.

Jon Velles Ugidos war einer von acht jungen Leuten, die in diesem Jahr vom Komitee des AFS Würzburg betreut wurden. Im nächsten Jahr kommen nach heutigem Stand sieben neue Gastschüler zwischen 15 und 18 Jahren in die Region. Sie stammen aus Mexiko, Finnland, Spanien, den USA, Chile, Argentinien und Island.

Mainpost, Irene Konrad, 7. Juli 2017

https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Austauschschueler-Deutsche-Sprache-Grossstaedte-Landleben-Schlafanzuege-Skype;art736,9637733