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Anne's Tagebuch

Anne hat im Internet ein eigenes öffentliches Tagebuch.

Link auf die externe Internetseite:

http://anne-trifft-brasilien.blogspot.de/

 

 

 

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Hier ein Brief an alle von Anne in Brasilien: 

 

"Hallo zusammen!

Nioaque, Brasilien, April 2012

Mein Name ist Anne Fleischmann und ich stecke momentan im bisher größten Abenteuer meines Lebens – in meinem Austauschjahr in Brasilien.

Am Sonntag habe ich eine Mail von AFS Würzburg erhalten mit der Bitte, einen kurzen Brief zu schreiben, der beim Infoabend vorgelesen werden könne – nichts lieber als das!

Zuerst möchte ich sagen, dass die Entscheidung, 11 Monate in einem anderen Land zu leben, wohl eine der besten meines Lebens war. Das große Abenteuer hat schon in Deutschland mit den genialen Vorbereitungswochenenden begonnen und hat sich dann hier vor Ort fortgesetzt. Wichtig ist, dass Abenteuer nicht mit „11 Monate Sonnenschein und Zuckerschlecken“ gleichzusetzen ist, sondern auch Herausforderungen beinhaltet. Aber überlegt mal, steht man nicht auch im normalen deutschen Leben sowohl vor Höhen als auch vor Tiefen? Es gibt Momente, in denen man sich fragt, warum um Himmels willen man so verrückt war und von zu Hause fortgegangen ist, wo es doch „am schönsten“ sein soll; Momente, in denen man einfach nur in seinem eigenen Bett liegen will und – so verrückt es klingt – manchmal vermisst man Sachen, die man früher über alles gehasst hat! Ich habe zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit das schlechte und griesgrämige Wetter in Deutschland vermisst, das ich eigentlich über alles verabscheue, weil es hier quasi keine Jahreszeiten gibt! Oder die Momente, in denen man alles geben würde, um ein Stück von Mamas Donauwelle essen zu können.

Aber ich kann euch sagen, all diese Momente sind genau das – MOMENTE. Sie sind nicht temporär, dauern nicht lange an, sondern gehen schneller vorbei, als man „Austauschjahr“ sagen kann, weil man in der Regel mit so vielen neuartigen Sachen und Eindrücken beschäftigt ist, dass man kaum Gelegenheit findet, sich großartig reinzusteigern. Und wenn es doch einmal dick kommt, ist man nie wirklich allein! AFS ist wie eine große Familie und jeder Austauschschüler ist AUTOMATISCH ein Mitglied, man kann sich dagegen nicht wehren! Geht es einem schlecht, kann man sich immer sowohl an andere Austauschschüler, die einen wohl am besten verstehen, weil sie in derselben Situation stecken, als auch an AFS- Freiwillige vor Ort wenden. 

Insgesamt werden die paar wenigen Momente, in denen es einem schlecht geht, sowieso von all den genialen Zeiten, die man hat, aufgewogen! Ich stehe am Ende meines Austauschjahrs, in 10 Wochen bin ich wieder zurück in Deutschland. Schaue ich jetzt auf mein Jahr zurück,  fallen mir nur die tollen Zeiten ein! Ich denke an die zahlreichen Momente, in denen ich mit meinen neuen Freunden Spaß hatte und ausgiebig gelacht habe, an meine erste Theateraufführung, die ich erfolgreich auf Portugiesisch gemeistert habe, das Turnier, zu dem ich mit meinem Handballteam gefahren bin, die Dorfparade, bei der ich die Brasilienflagge tragen und damit meine Schule anführen durfte, die anderen Austauschschüler, die ich kennenlernen durfte (übrigens aus der ganzen Welt!), die Neugier, auf die ich hier gestoßen bin. Ich denke an das Gefühl, ANGEKOMMEN zu sein, ein Teil dieser neuen Gesellschaft geworden zu sein, die Sprache zu beherrschen und mich über Gott und die Welt unterhalten zu können, an die vielen Male, in denen ich ganz begeistert die Lieder im Radio mitgröhlen konnte, an diese eine ganz bestimmte Feier, in der ich auf die Bühne geholt wurde und vor tausenden von Menschen hemmungslos auf ein Lied getanzt habe, von dem ich die Choreographie nicht kannte und mich zum Affen gemacht habe. Ich denke an Fasching, an dem wir hier 5 Nächte nacheinander abgefeiert haben, an die vielen Situationen, in denen mir gesagt wurde „Du bist schon ganz schön brasilianisch geworden“ – es gibt nichts Schöneres. Das Gefühl, „hier nie mehr weg zu wollen“, das mich in jeder einzelnen dieser Situationen durchströmt hat und in einen Zustand des puren Glücks und des „Du kannst alles im Leben schaffen, wenn du nur willst“ – Gefühls versetzt hat. So ist es nämlich! Wer sich traut, ein Austauschjahr in einem anderen Land zu machen, braucht vor nichts und niemandem mehr Angst haben! Man lernt, Kompromisse einzugehen, sich an der richtigen Stelle durchzusetzen, auf seinen Rechten zu bestehen, sich selbst nicht aufzugeben, seine Heimat kennen und lieben.

Lange Rede, kurzer Sinn. Ein Austauschjahr ist DIE Gelegenheit, nicht nur eine andere Kultur, eine zweite Familie, neue Freunde und Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen, sondern auch mehr über sich selbst zu erfahren und sich zu verändern. Ich merke, wie ich viel lockerer und leichter durchs Leben gehe, alles gelassener sehe und vor allem viel selbstständiger geworden bin. 

An diejenigen, die noch zweifeln, aus Angst, Heimweh zu bekommen: Meint ihr, ihr seid die Einzigen? Ich bin mir sicher, jeder Austauschschüler hat diese Angst oder dieses Befürchten. Ich hatte sie auch und am Flughafen hätte ich mir am liebsten in die Hose gemacht. Es ist normal, dass man ab und zu das gute alte zu Hause vermisst, aber wenn man es von der richtigen Seite aus betrachtet, zeigt das doch nur, dass man gerne daheim ist. Erfahrungsgemäß tritt das Heimweh außerdem nur zu Beginn auf, wo noch alles neu ist und man sich nicht an alles gewöhnt hat. Sind die ersten Differenzen aus der Welt geschaffen, lernt man jeden Tag stetig dazu und ehe man sich umschaut, ist das halbe Jahr schon vorbei und dann tritt das genaue Gegenteil ein -  man kriegt die Panik, weil man ja schon bald wieder heim MUSS!
 Auf meinen Vorbereitungen wurde mir gesagt, dass das Jahr wie im Flug umgeht. Also hab ich mir das dann so vorgestellt à la „Du schläfst einmal und bist schon wieder daheim.“ Natürlich ist es nicht ganz so, aber mit all den Ereignissen, die ein normales Jahr nunmal so bietet, sei es Weihnachten, Geburtstag, Ostern, etc. vergehen die Tage, Wochen, Monate wirklich wie im Fluge. Ich würde, wenn ich könnte, die Zeit anhalten oder am liebsten zurückdrehen.

Ich kann von mir sagen, dass ich verdammt stolz auf mich bin. Ich habe nicht nur den Mut gehabt, mich anzumelden und dann auch tatsächlich in den Flieger zu steigen, sondern ich kann auch von mir behaupten, dass ich mich hier richtig integriert habe anstatt meine Zeit nur abzusitzen. Ich habe ein komplett neues Leben gelebt und es tut wahnsinnig gut, das behaupten zu können. Ich habe nicht nur eine neue Heimat, eine neue Familie und neue Freunde gefunden habe, sondern ich weiß auch, dass ich fähig dazu bin, mich an jedem Ort dieser Welt zu Hause zu fühlen.

An Eltern, die besorgt sind, ihr Kind für ein ganzes Jahr in die Obhut „fremder“ Menschen zu geben: Ihr braucht keine Angst zu haben, AFS ist vor Ort und ist sofort zur Stelle! 
 Mit Sicherheit kommen eure Kinder, die ihr als KINDER gehen lasst, als junge Erwachsene zurück, die gereift und gewachsen sind und mit Sicherheit selbstständiger und fürs Leben gewappnet sind. 
 Ich kann jetzt zum Beispiel selbst meine Wäsche machen, spüle Geschirr ab [leider hat in Brasilien kaum jemand Spülmaschinen :( ], kehre und helfe, den Haushalt zusammen zu halten. Ist doch ganz schön praktisch ;)

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen: WENN NICHT JETZT, WANN DANN? Verpass deine Chance nicht!

Ich wünsche von Herzem alles Gute und ich hoffe, dass viele von euch den Schritt wagen, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Überlegt nicht lange, sondern traut euch! Ich würde gerne noch was länger hier bleiben :)

Wer Fragen oder Zweifel hat bzw. Anregungen sucht, kann mir gerne eine Mail schreiben, ich freue mich über jede Meldung!
Anne.fleischmann(at)web.de
  oder empanada94(at)googlemail.com
 Außerdem habe ich einen Blog, auf dem ich regelmäßig Neuigkeiten poste, was hier so ab- oder mir durch den Kopf geht.  Die Adresse ist    www.anne-trifft-brasilien.blogspot.com

Um grande abraco a todos!
 Liebe Grüße an alle!

Eure Anne"