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Emilia aus Finnland lebt bei Familie Kipke in Sickershausen

SICKERSHAUSEN Sie ist Wiederholungstäter. Und das aus voller Überzeugung. Die Familie Kipke aus Sickershausen hat schon wieder eine junge Frau aus einem fremden Kulturkreis für ein Jahr bei sich aufgenommen. Warum? „Weil es für uns alle eine tolle Erfahrung ist“, sagt Silvia Kipke.

Kurzer Rückblick, Sommer 2010: Die Kipkes haben eine junge Frau aus Thailand bei sich aufgenommen. Zehn Monate lebt die 17-Jährige Chayamas unter einem Dach mit der vierköpfigen Familie. Seit September 2016 leben die Kipkes wieder zu fünft. Diesmal kommt die Besucherin aus dem hohen Norden. Emilia ist 18 und im Umkreis von Helsinki aufgewachsen.

Beide junge Frauen sind über die Organisation „American Field Service“ (AFS) nach Sickershausen gekommen. Eine Einrichtung, mit der Rüdiger Kipke schon vor 31 Jahren gute Erfahrungen gemacht hat. Damals war er selbst noch Jugendlicher und wollte die Welt entdecken. Mit AFS verbrachte er fast ein Jahr in Argentinien. Jahrzehnte später wollte er der eigenen Familie ein Stück Internationalität ins Haus bringen. „Es braucht nur Lockerheit und Offenheit“, sagt er. „Am besten, man macht sich gar nicht so viele Gedanken.“ Sollte es zwischen dem Gastkind und den Gasteltern gar nicht klappen, ist jederzeit auch ein Wechsel möglich.

„Es funktioniert alles ganz einfach“, bestätigt Silvia Kipke. AFS schickt auf Wunsch Kurzporträts von Jugendlichen, die im Vorfeld ein Auswahlverfahren durchlaufen müssen. „Man kann sich aussuchen, ob man ein Mädchen oder einen Jungen bei sich aufnehmen will“, erklärt sie. Auch das Wunschland – oder zumindest den Kontinent – kann man angeben. An Bewerbern mangelt es nicht. Im Gegenteil: AFS ist immer auf der Suche nach neuen Gasteltern, gerade in Deutschland.

Emilia wollte ursprünglich nach Großbritannien, aber dort hat es nicht genügend Gasteltern gegeben. Weil sie zweieinhalb Jahre Deutsch in der Schule gelernt hat, bewarb sie sich für einen Aufenthalt in Deutschland. „Die erste Woche war schon schwierig“, erinnert sie sich. Natürlich gab zu Beginn Verständigungsprobleme. „Wir sollen sie immer verbessern, wenn sie etwas falsch sagt“, erklärt Flemming mit einem Grinsen im Gesicht. Diese Vorgabe macht dem Elfjährigen sichtbar Spaß. Auch sonst ist er mit der neuen „großen Schwester“ mehr als zufrieden. „Es ist schön, jemand anderen zum Spielen zu haben“, sagt er. Nachteile gibt es allerdings auch: Emilia fragt die Englisch-Vokabeln ab. Und da kennt sie sich deutlich besser aus als der Elfjährige.

Den Vormittag verbringt Emilia im Armin-Knab-Gymnasium, verbessert ihr Deutsch und lernt neue Freunde kennen. „So soll es auch sein“, sagt Rüdiger Kipke. „Wir decken das Thema Familie ab, nach Freunden muss sie schon selber schauen.“ Für Emilia kein Problem, auch wenn sie mitunter gerne ein wenig mobiler wäre. „Der Busverkehr in Sickershausen ist nicht so gut“, bedauert sie und zaubert mit dieser diplomatischen Aussage ein Lachen auf die Gesichter ihrer Gasteltern. „Er ist quasi nicht vorhanden“, berichtigt Rüdiger Kipke.

Auf umfassende Eindrücke von Deutschland musste Emilia deshalb nicht verzichten. In Berlin war die Familie schon mit ihr, in Dresden, Görlitz, Hamburg und im Allgäu. „Man kann mit Emilia richtig viel unternehmen“, freut sich auch die neunjährige Maret. In den letzten Tagen sind die beiden öfters mit dem Rad zum Eis essen nach Kitzingen gefahren. Und die Geheimnisse von Snapchat kennt Maret dank ihrer finnischen Freundin mittlerweile auch. „Ich will sie gar nicht mehr hergeben“, sagt sie.

Am 8. Juli müssen sich die Kipkes und Emilia allerdings trennen. Dann geht es für die 18-Jährige zurück nach Finnland. „Ich werde diese Erfahrung meinen Freunden auf jeden Fall weiterempfehlen“, sagt sie. Viel selbstständiger und reifer sei sie in der Zeit geworden – und habe eine neue Familie gewonnen. Im nächsten Jahr ist ein Gegenbesuch in Finnland schon fest eingeplant. Und wer weiß, vielleicht war Emilia noch gar nicht die letzte Gastschülerin, die im Hause Kipke aufgenommen wurde. „Ich habe mir schon neue Vorschlä- ge von AFS angeschaut“, gesteht Silvia Kipke mit einem Blick auf ihren Mann. „Als Emilia eine Woche weg war, war es so komisch ruhig im Haus.“ 

Kitzinger Zeitung, 21. Juni 2017

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