Sie sind hier: AFS-Komitee Würzburg > Das Komitee > Zeitungsberichte > ...unserer Gastschüler > Eine Bereicherung für beide Seiten > 

Eine Bereicherung für beide Seiten - Kitzinger vom 13.04.2010

Eine Bereicherung für beide Seiten

Familie Kipke aus Sickershausen und ihre Gastschülerin aus Thailand – Mit- und voneinander lernen

Viel Bier, viel Wurst, große Autos. Dieses Bild hatte Chayamas im Kopf, als sie vor rund sieben Monaten in Bangkok ein Flugzeug in Richtung Deutschland bestieg. Ein Schuljahr lang lernt die 17-Jährige die deutsche Sprache, das deutsche Leben und die deutschen Sitten und Gebräuche kennen. Ihr Bild von Land und Leuten hat sich schnell gewandelt.

Es ist ein sonniger Tag am Ende der Osterferien. Im Garten der Familie Kipke in Sickershausen laufen die Kinder barfuß umher, krabbeln über Steine, lassen die Bagger im Sandhaufen buddeln und lauschen den Erwachsenen, die sich auf der Terrasse niedergelassen haben. Der vierjährige Flemming schaut den Mann von der Zeitung mit großen Augen an, krabbelt dann auf den Schoß seiner thailändischen Freundin. Chayamas nimmt den kleinen Mann in den Arm, knuddelt ihn und lächelt ihr spezielles Lächeln. Es ist nicht schwer zu sehen: Die 17-Jährige ist ein Teil der Familie geworden. Sie fühlt sich wohl – auch wenn Sickershausen und Bangkok so viel gemeinsam haben wie ein Airbus mit einem Segelflieger. Die Geschichte dieses gelungenen Austausches beginnt vor 24 Jahren. Da beschließt der damals 17-jährige Rüdiger Kipke, dass er etwas von der Welt sehen möchte. Beim Austauschorganisationsdienst AFS macht er sich schlau und wählt als Gastland Argentinien. Ein Jahr lang lebt er bei einer argentinischen Familie, geht in eine argentinische Schule, lernt Spanisch und eine ganz andere Welt kennen. Sieben Kinder hatte die Gastfamilie. "Und nicht gerade üppig Geld", wie sich Kipke erinnert. Einfach mal so am Kühlschrank bedienen war nicht drin. Die Erfahrung von damals hält der 41-Jährige auch heute noch für immens wichtig. "Man wird in dieser Zeit schneller erwachsen." Kipke wollte etwas von dieser Erfahrung zurückgeben – und hat sich mit seiner Frau Silvia  als Gastfamilie angeboten. Mit rund 50 Ländern dieser Erde organisiert AFS Austauschprogramme. Wobei das Wort Austausch irreführend ist, denn zu einem Gegenbesuch kommt es in den wenigsten Fällen. Für ein Jahr stellen sich die Familien zur Verfügung, Betreuer von AFS beraten sowohl sie als auch die Gastschüler. Bei Problemen kann es auch zu einer vorzeitigen Trennung kommen.

 

Das späte Verb

Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass die Beziehung zwischen Chayamas und der Familie Kipke mindestens dieses eine Jahr lang halten wird. "Um" nennen die Kipkes ihren Gast, ihr wirklicher Name ist auf Dauer zu lang und zu kompliziert. "Um" hat damit keine Probleme. Sie weiß um die Schwierigkeiten einer Sprache nur zu gut. Ihr Deutsch ist nach etwas mehr als einem halben Jahr erstaunlich gut. Gerade einmal zwei Kurse beim Goethe-Institut in Bangkok hatte sie vorzuweisen, bevor sie ins Flugzeug nach Frankfurt stieg. "Am Anfang habe ich in der Schule nichts mitbekommen", gesteht sie und lächelt. Zwei Mal Intensivunterricht und zusätzlich noch ein Deutschkurs pro Woche haben ihre Wirkung gezeigt. Dennoch will ihr nicht so recht einleuchten, warum das Verb in deutschen Sätzen nicht weiter vorne eingebaut werden kann. "Man muss immer so viel Nachdenken beim Reden", sagt sie. Lange nachdenken musste sie nicht, als es darum ging, ein Land für das Austauschjahr auszuwählen. Deutschland stand ganz oben auf der Liste der 17-jährigen Thailänderin. Der Ruf von guten Universitäten hatte es ihr angetan, schließlich wollte "Um" Ingenieurin werden. Deutsche Sprachkenntnisse waren da die Voraussetzung. Mittlerweile hat sich ihr Berufswunsch wieder gewandelt, aber die deutsche Sprache wird ihr bei ihrer späteren Karriere helfen. Davon ist sie überzeugt. "Deutschland ist ein Powerland", sagt "Um". Viel Bier, viel Wurst, große Autos – das Deutschland-Bild der Asiatin hat sich aus dem Fernsehen, dem Internet und einem Besuch des Oktoberfestes gespeist. Ganz viele Betrunkene hat "Um" vom Besuch in München in Erinnerung. Das Leben in Sickershausen und Kitzingen geht da bedeutend beschaulicher zu. Schnell ist sie bei den Nachbarn, aber vor allem in der Schule aufgenommen worden, hat ihren Spaß bei den nachmittäglichen Akrobatik-Stunden oder beim Schwimmen.

Mit Flemming liest sie am Nachmittag Kinderbücher und perfektioniert so ihre Sprachkenntnisse oder geht ein paar Häuser weiter zu dessen Großeltern. "Heimweh kommt da selten auf", sagt die 17-Jährige – zumal sie über das Internet immer dann mit der thailändischen Familie kommunizieren kann, wenn ihr danach ist. Für Rüdiger Kipke war das vor 24 Jahren noch undenkbar. Das Internet war eine Unbekannte, der Austauschschüler der 80er Jahre musste auf Briefe warten und konnte zwei Mal im Jahr mit Zuhause telefonieren. "Die Zeiten haben sich total verändert", sagt der Diplom-Ingenieur. Die Vorstellungen seines Gastes aus Fernost auch. Bier und Wurst ist beileibe nicht alles, was in Deutschland auf den Tisch kommt. Viel Brot und Kartoffeln hat "Um" bei ihren Gasteltern und bei Freunden serviert bekommen. Reis gibt es nur selten. Außerdem hat sie einen gravierenden Unterschied in der Mentalität ausgemacht. "Die Deutschen sind viel direkter als die Thailänder", sagt sie. "Das gefällt mir gut", meint die 17-Jährige – und lächelt. 

 

AFS (American Field

Service) ist einer der größten und ältesten gemeinnützigen Jugendaustauschorganisationen weltweit. Mehr als 3 700 Ehrenamtliche unterstützen die Arbeit der Organisation. Gastfamilien werden immer wieder gesucht. Die Bewerbung für den nächsten Schüleraustausch endet Mitte Mai. Weitere Informationen unter www.afs.de oder beim zuständigen Regionalbüro in Stuttgart unter Tel. 07 11 / 80 60 76 90.