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Unser Jahr mit Santiago aus Kolumbien - Familie Menna

2008, unser Jahr mit Santiago aus Kolumbien
 
Als wir das erstemal von AFS hörten, stand ein kleiner Bericht in unserer Tageszeitung. Irgendeine Austauschschülerin suchte noch dringend eine Gastfamilie, ganz besonders in unserem Raum.
 
Gelesen, kurz darüber nachgedacht und wieder vergessen!
 
Nach einigen Wochen, als mein Mann und ich so im Gespräch waren, dass wir ja nun mit dem Haus fertig seien, die grosse Tochter mehr Zeit bei ihrem Freund verbrachte als Daheim, der Kleine auch gerade optimal auf "Spur" lief,und unser Leben gerade anfieng langweilig zu werden, erinnerten wir uns an diesen Zeitungsbericht.
Wir waren Beide nicht abgeneigt, da wir uns eigentlich als Willkommensfamilie bewerben wollten, vorausgesetzt, unsere Kinder wären damit einverstanden.Was sind schon vier Wochen, die gehen doch wie im Flug vorbei.
Also Kinder gefragt, und in Stuttgart bei AFS angerufen. Ein Paar Adressen ausgetauscht und auf die Dinge gewartet die da kommen sollten.
 
Und sie kamen, und schneller als erwartet. Als erstes kamen einige Bewerbungspapiere für Gasteltern und da haben wir dann unsere Meinung geändert, und uns als Jahresfamilie eingetragen, da wir ja wussten, wenn es überhaupt nicht funktionieren sollte mit dem Kind, dass uns geholfen wird und das Kind die Familie wechseln kann. Wenn es klappt, wollten wir uns aber auch nicht schon nach vier Wochen wieder trennen.
Und dann kam ein Anruf von AFS und am Ende des Gesprächs erfuhr ich dann, dass unser Gastkind schon in 14 Tagen ankommen würde. Da hab ich dann doch erstmal geschluckt. Seine Papiere und Unterlagen seien schon unterwegs.
 
Anfang Februar 2008, bis jetzt war es noch kein Winter, aber seit heute Nacht war er da. Eine eisige Kälte, minus 10°c und ausgerechnet heute sollten wir unseren Santiago aus Kolumbien in Würzburg vom Bahnhof abholen.
Alle waren unheimlich aufgeregt, keiner wusste wie er aussehen sollte, da das Foto das wir bekamen nur schwarz war.
 
Schnell noch einen Zettel mit seinem Namen darauf geschrieben, und ab zum Bahnhof. Auf der dreiviertelstündigen Fahrt hab ich mir einen schwarzgelockten, breitschultrigen, braungebrannten Macho ausgemalt, den wir unter den vielen Reisenden herausfinden mussten.
Der Mensch denk und Gott lenkt, will sagen, alles war ganz anders!
 
Der Zug kommt, und es steigt tatsächlich nur ein kleiner , schmächtiger , junger Mann mit schwarzen Haaren und riesigen Koffern aus, unser Santiago. Da brauchte ich mein Schild nicht, wir waren weit und breit die einzigen Personen auf dem Bahnsteig.
Santiago hat mir noch ein Jahr später gesagt, das ich damals seinen Namen auf dem Kopf gehalten habe, dass sei ihm bis heute von unserer ersten Begegnung in erinnerung.Ich erklärte ihm dann, dass ich es nie benutzt hatte, weil ich es nicht brauchte.
Zurück zum Bahnsteig: Santiago umarmt jeden und sagt artig guten Tag. Er   ist grau vor Kälte und vollkommen übernächtigt. Koffer ins Auto und nichts wie Heim. Ein bisschen kennt er uns ja schon, unseren Tagesablauf und unsere Namen, das haben wir alles schon geschrieben.
Er kann kein Wort Deutsch und ich kein Wort Spanisch. Also mit Händen und Füssen und meinem alten Schulenglisch, es wird schon gut gehen.
Daheim in Hassfurt wird er sofort von unserem Hund begrüsst, dann schnell das Haus und sein Zimmer gezeigt und dann ins Bett gelassen.
 
Zum Essen aufgeweckt, und wieder ins Bett.
Abends werden die Gastgeschenke ausgeteilt und wir beschnuppern uns erstmal gegenseitig. Mir gefällt was ich sehe und er weckt sofort meinen Beschützerinstinkt.
Tags darauf darf er noch ausschlafen, und wir gehen erstmal mit dem Hund raus. Langsames abtasten des Anderen. Ich erkläre ihm viele Sachen, unsere Regeln und Pflichten in der Familie und in Deutschland im Allgemeinen. Ich erkläre ihm, dass er ab sofort die gleichen Rechte und Pflichten wie meine eigenen Kinder hat, und dass ich ihm vertraue und er seinen eigenen Schlüssel bekommt. Dann kommen die ganzen Gänge zu den Behörden und zur Schule, die erste Woche ist rum.
 
Ab da stand für uns alle fest, Santiago ist das Beste was uns je passieren konnte. Nachdem er "aufgetaut" war, lümmelte er genauso auf den Sofas herum wie meine eigenen Kinder, und nach kürzester Zeit machten wir auch keinen Unterschied mehr. Santiago nannte uns sowieso von Anfang an Mama und Papa.
 
Was soll ich sagen, das Jahr war so kurz und so schnell rum, es verging wie im Flug.
In unserem Haus war immer etwas los, es gab auch mal Krach, aber das gehört zum Leben. Santiago sog alles Neue auf wie ein Schwamm, lernte fantastisch Deutsch, und ist eine Bereicherung für unser Leben. Ja ist, denn wir haben immer noch jede Woche Kontakt, und er kommt zurück, auf Besuch. Er ist ja schliesslich unser Kind und wird es auch immer bleiben.
Von unseren gemeinsamen Erlebnissen will ich gar nicht schreiben, die muss jeder selbst erleben, mit seinem Gastkind.
Da jedes Kind und jede Familie verschieden ist, macht auch jeder seine eigenen Erfahrungen.
Ich will nur soviel sagen, es hat unheimlich weh getan, als wir uns nach Ablauf des Jahres wieder trennen mussten. Aber unsere Bindung ist so tief, dass sie zeitlebens halten wird, da bin ich sicher.
Jetzt ist ein halbes Jahr rum, dass Santiago zurück nach Kolumbien flog, und wir sind bereit, nächstes Jahr wieder ein Kind aufzunehmen. Und wir werden wieder nicht auswählen. Santiago wurde uns geschickt, und es war gut so, und beim nächsten Kind nehmen wir auch , was wir bekommen, wir lieben Überaschungen.
 
Also alle Interessierten: Traut euch! Es macht Arbeit, aber es lohnt sich, wirklich! Und was man an Liebe zurück bekommt, lässt alle Mühen vergessen.


Familie Menna