30.09.2010

Zuerst einmal möchte ich mich für die vielen Antworten auf meine erste Rundmail bedanken. Es hat mich sehr gefreut, von euch zu hören. Doch weil ich einen ziemlich vollen Terminplan habe, schaffe ich es einfach nicht, jeden einzelnd zu antworten. Daher versuche ich, die Fragen, die aufgekommen sind, so gut wie möglich in dieser Mail zu beantworten.

  Seit meiner letzen E-Mail ist wirklich sehr viel passiert.   Zunächst noch einmal zu meiner Gastfamilie. Sie sind alle amerikanische Staatsbürger, weil die chinesische Regierung keine doppelte Staatsbügerschaft erlaubt. Da ich jetzt bei ihnen bin, wird überwiegend Chinesisch zu Hause gesprochen. Nur die zwei Töchter sprechen Englisch miteinander. Einerseits ist es natürlich schade, dass ich keine typische chin. Familie erwischt habe. Doch ich bin der Ansicht, dass auch das ein Teil Chinas ist. Shanghai ist eine relativ verwestlichte Stadt, ich sehe dort Dinge, die ich sonst in China nie sehen würde (sich küssende Liebespaare, schulterfreie Oberteile,...) und es gibt sehr viele Ausländer. Doch gerade das spiegelt ja das heutige China wieder: das vernachlässigen der Tradition, das Aufweichen der Werte, die Verwestlichung. Und meiner Meinung nach sind die Auslandschinesen, so wie es meine Gastfamilie ist, auch ein Teil Chinas, seiner Geschichte und Kultur. Auch dies ist interessant, kennenzulernen. Ich fühle mich in der Familie sehr wohl. Bei meinem Bericht über die Wohnung habe ich das letzte Mal vergessen, zu erwähnen, dass ich mit einer Heizung gesegnet bin! Das freut mich sehr. Auf der Arbeit haben wir nur Klimaanlage, aber solange es zu Hause warm ist, ist das auzuhalten!   So und jetzt zu den letzten Wochen. Der intensive Sprachkurs ist nun beendet, sodass ich nur noch einmal pro Woche Unterricht habe. Dies geht jetzt noch 10 Wochen so und dann endet der Kurs vollkommen. Der Unterricht ist sehr gut und ich kann viel davon profitieren. Das freut mich. Auch so merke ich schnelle Fortschritte, da ich mich auf Chinesisch unterhalte und auf der Arbeit auch fast alles in Chinesisch machen kann. Seit dieser Woche habe ich nun endlich das Arbeiten begonnen. Ich arbeite in einer ehrenamltlichen Organisation, die das ehrenamtilche Engagement in Shanghai fördern möchte. Sie heißt "Hands on Shanghai" (HOS). Wer möchte, kann die Website unter www.handsonshanghai.org besuchen und sich mal umschauen. HOS vermittelt einzelne Freiwillige, Schulen und Firmen, die sich ehrenamlich einsetzen wollen, zu Projekten. Ich arbeite im Bereich der einzelnen Freiwilligen und helfe da, wo Not am Mann ist. Die meiste Zeit bin ich im Büro (Übersetzungen, Kalender aktualisieren, Texte verfassen und kontrollieren), manchmal gehe ich aber auch mit auf Schulungen von neuen Koordinatoren,... . Im Oktober und November werde ich alle Projekte von HOS besuchen und mitarbeiten, um ein besseres Bild von der Organisation zu bekommen. Sie ist in Krankenhäusern, Altenheimen, Schulen für Kinder von Wanderarbeitern, Behinderteneinrichtungen,... tätig. Ich bin schon sehr gespannt. Die Atmosphäre auf der Arbeit ist famliär und sehr angenehm. Mein Kollegen sind sehr nett und helfen mir immer, wenn es nötig ist.Später, wenn ich eingearbeitet bin, darf ich vielleicht auch mal mein eigenes Projekt leiten. Meine Arbeitszeit ist von 9.30Uhr bis 18Uhr. Das heißt, dass der ganze Tag ausgebucht ist, da ich etwa 1h30min zur Arbeit und wieder nach Hause brauche. Da die letzten Tage die U-Bahnstation, die ich normal benutze, gesperrt war, kam ich jeden Tag erst nach 20Uhr nach Hause. Manchmal muss ich am Wochenende arbeiten und bekomme dafür unter der Woche frei. Ich fahre meist mit dem Bus, selten mit der U-Bahn. Es macht mir Spaß, solange ich einen Sitzplatz bekomme (denn 1h30min stehen in unschön!). Es ist faszinierend, zu beobachten, wie es in einen gestopft vollen Bus während der Rush Hour noch mehr Leute schaffen. Und der Straßenverkehr ist auch eine Sehenswürdigkeit für sich! Dazu möchte ich euch ein paar Sätze aus dem Lonely Planet wiedergeben, die ich für sehr treffend halte: "Für einen Westler mag Shanghais Verkehr total chaotisch aussehen. Der Straßenverkehr ist lebensgefährlich, das gilt besonders für Fußgänger. Mit allem muss man rechnen: mit unvorhersehbaren Abbiegern, plötzlichen Spurwechseln, waghalsigen Überholmanövern. Um jeden Quadratmeter Asphalt wird verbissen gekämpft. (...) Verkehrsregeln werden (...) weitgehend ignoriert. Verkehrsschilder werden oft zugunsten plötzlicher und unerwarteter Manöver übersehen. Shanghais 8 000 Verkehrspolizisten, unpopulär und unbeliebt, hindern mit schrillem Pfeifen überall in der Stadt an den Überführungen und Kreuzungen Fußgänger daran, schnurstracks durch den tosenden Verkehr zu marschieren." Und noch die Stelle über den Bus: "Am nächsten kommt man revolutionärem Eifer in Shanghai heute beim Run auf die Busse in der Rushhour. Dann und am Wochenende ist das Gerangel der Fahrgäste, die alle versuchen, sich in den gleichen Bus zu quetschen, weltrekordverdächtig." Das musste ich in dieser Mail unbedingt schreiben, weil mich der Verkehr hier täglich aufs neue fasziniert!   Meine E-mail ist jetzt schon so lange und ich habe noch gar nicht begonnen, über meine anderen Erlebnisse zu berichten. Daher habe ich beschlossen, einen Teil erst beim nächsten Mal zu erzählen. Zu meiner Freizeitgestaltung nun also noch ein paar Worte. Ich hatte während des Sprachkurses noch relativ viel Luft, weil ich abends meist so um 18Uhr zu Hause war. Dann habe ich mich mit der Gastmutter unterhalten, habe Chinesisch gelernt und gelesen. Wir haben in der Wohnanlage auch ein Fitnessstudio, wo ich ab und zu hingehe. Nun, da ich mit der Arbeit begonnen habe, ist abends nicht mehr allzu viel mit mir anzufangen. Ich bin sehr erschöpft. Während der Busfahrten, sofern ich einen Platz ergattert habe, lese ich oder lerne. Und am Wochenende ist es immer ganz verschieden. Ausschlafen ist aber ein Muss. Meist lege ich einen ruhigeren Tag ein und einen aktiveren. Ich habe schon mit meiner Gastmutter ein paar Sehenswürdigkeiten Shangais besichtigt. Bald werde ich mit meinem Gastvater ins Museum gehen. Mit meiner schweizer Freundin war ich auf der Expo. Das hat sich nur deshalb gelohnt, weil wir mit ihrem VIP-Pass ohne Anstehen in die Pavillions konnten. Sonst hätte es keinen Zweck gehabt. Die Schlangen sind einfach zu lange! Außerdem war ich schon auf einer sehr beeindruckenden Kunstaustellung, auf der ganz verschiedene chinesische Künstler in kleinen Galerien ihre Bilder und Plastiken präsentieren. Dort möchte ich unbedingt noch einmal hin!   Und das letze, was ich jetzt noch am Rande erwähnen möchte, ist Jane Goodall. Ich hatte sie ja, wie viele sicher schon wissen, vor meiner Abreise bei ihrer Filmpremiere in Dettelbach getroffen. Dort hat sie mir erzählt, dass sie auch nach Shanghai kommen würde. Das hat mich sehr gefreut, denn ihr Film "Jane's Journey" und ihre Ausstrahlung haben mich sehr bewegt. Sie ist eine inspirierende Frau, die meine Motivation für mein Auslandsjahr noch einmal gesteigert hat. Vor kurzem war sie nun in Shanghai und wir haben ihr zu Ehren ein Festival organisiert. Es war sehr schön. Natürlich wie in China meist total verplant und oft chaotisch. Aber trotzdem hat alles so weit geklappt. Jane hielt unter anderem eine Rede. Es freute mich, dass ich sie hören konnte. Mit dem, was sie sagt, spricht sie mir aus dem Herzen. Ich habe dazu einen Zeitungsartikel für Daily X verfasst, der demnächst erscheinen müsste. Wer keine Zeitung hat oder es verpasst hat, der kann meine Kolumne auch unter www.daily-x.de nachlesen. Ich habe mittlerweile auch eines von Janes Büchern gelesen, das mich ebenfalls sehr beeindruckt hat. Es lohnt sich also, sich einmal intensiver mit dieser Persönlichkeit zu beschäftigen! Das paradoxe bei diesem Fest war, dass ich in der Essensausgabe helfen musste, wo wir kostenlos McDonalds-Packete verteilten. Unser Stand war gegenüber des Standes der Biofarm. McDonalds hatte das Essen gespendet, also wurde es auch angenommen, egal wie viel Abfall McDonalds produziert. Daran und an vielen anderen Kleinigkeiten merkt man, dass China im Umweltschutz noch ein Neuling ist.   So, ich denke, das war es für heute! Nach einem langen Arbeitstag werde ich mich nun schlafen legen und die nächste Woche Urlaub genießen. Wir haben nämlich wegen des chin. Nationalfeiertags eine Woche frei. Was ich während dieser Zeit erlebe und was ich schon erlebt habe, heute aber noch nicht berichtet habe, dass wird mit Sicherheit Inhalt meiner nächsten Mail werden!   Viele Grüße nach Deutschland und einen schönen Tag der deutschen Einheit (auch wenn es ein Sonntag ist)!   Theresa