Sie sind hier: AFS-Komitee Würzburg > Das Komitee > Zeitungsberichte > ...unserer Gastschüler > Keine Spur von Heimweh > 

Keine Spur von Heimweh - Mainpost vom 18.12.2008

Verbringen als Austauschschüler ein Jahr in Haßfurt: Courtney aus Neuseeland und Santiago aus Kolumbien. Sie fühlen sich in Deutschland "pudelwohl". Im Februar heißt es jedoch Abschied nehmen, dann nämlich reisen die nächsten Austauschschüler an. FOTO Dominik RÖDING

Er spricht ganz selbstverständlich Deutsch, die Suche nach den richtigen Worten dauert nicht lange. Er besucht die Schule und erledigt seine Hausaufgaben ebenso wie seine Klassenkameraden. Genauso selbstverständlich muss er sich um den Haushalt zuhause kümmern - zuletzt wurden Plätzchen gebacken. Nun sitzt Santiago entspannt auf dem Stuhl im warmen Wohnzimmer und erzählt von seinen Erfahrungen als Austauschschüler.

Mit ihm sind zwei weitere Gastschüler in Haßfurt bei Gastfamilien untergebracht, zusammen besuchen sie das Regiomontanus-Gymnasium: Santiago selbst kommt aus Kolumbien, Courtney aus Neuseeland und Maurizio aus Costa Rica.

Alle drei wussten vor ihrer Ankunft im Februar kaum etwas über Deutschland. "Oktoberfest, Bier und Wurst - das war alles", lacht der 18-jährige Santiago. Doch seitdem hat sich vieles geändert.

Mittlerweile gerät Santiago nämlich ins Schwärmen: "Ich liebe das deutsche Essen, hier schmeckt alles so gut." An Heimkehr denkt keiner der drei, zu wohl fühlen sie sich hier. Gleichwohl, anfangs war ihnen schon ein bisschen mulmig zumute: "In meiner Heimat sagten alle, die Deutschen seien so streng", erklärt Santiago, "doch als ich hier ankam, war es total anders. Die Deutschen sind ein sehr offenes Volk."

Dementsprechend sagt Santiagos deutscher "Papa", Roland Menna: "Die fühlen sich hier pudelwohl, keiner von denen will heim." Jeder versteht sich hier mit jedem, teilweise zu gut: Santiago und Maurizio werden mittlerweile in verschiedenen Klassen unterrichtet - weil "wir zu viel geschwätzt haben", verrät der Kolumbianer.

"Die fühlen sich hier pudelwohl"

Roland Menna Gastfamilie

Solche Probleme hat Courtney nicht - vielmehr macht ihr die Sprache zu schaffen. "Die deutsche Grammatik zu erlernen, war schon eine sehr schwierige Sache", meint sie, "manches, wie den Gebrauch der Artikel, habe ich bis heute nicht verstanden." Vor drei Jahren hat sie ihren ersten Sprachkurs besucht - dabei kam ihr auch die Idee, ein Jahr in Deutschland als Austauschschülerin zu verbringen.

Ihre Familien in der Heimat unterstützten die drei Jugendlichen von Anfang an. Für Roland Menna ist klar: "Solch ein Austausch ist die beste Möglichkeit, um Selbstständigkeit zu erlangen." Das bedeutet aber auch: keine Sonderbehandlung. "So wie ich meine Kinder erziehe, wird auch Santiago erzogen", sagt der Familienvater. Geschadet hat es ihm nicht - der selbstbewusste Südamerikaner verspürt kein Heimweh und wirkt souverän im Gespräch. "Es ist doch nur ein Jahr, wo wir weg sind", meint auch Courtney. Alle paar Wochen tätige sie einen Anruf in die Heimat - das sei ausreichend.

Anfangs waren die drei Austauschschüler noch viel gemeinsam unterwegs. "Sie waren unzertrennlich und jedes Wochenende woanders unterwegs, doch mittlerweile hat jeder seinen eigenen Freundeskreis gefunden", schildert Menna. Gemeinsam gehen die drei getrennte Wege. So ist Santiago bereits nach Spanien und Portugal gereist. Ende Dezember wird er einen Freund in Italien besuchen, Courtney ihrerseits will ihren Großvater in Schottland wieder sehen.

Doch vorher werden sie ihre erste Weihnacht in Deutschland erleben. "Wir sind sehr aufgeregt", erzählt Courtney, "die Stimmung hier ist sehr viel festlicher als bei uns." Kein Wunder - in Neuseeland ist momentan Sommer. Zusammen mit seiner Gastfamilie hat Santiago zuletzt Weihnachtsplätzchen gebacken - selbstgemachte Lebkuchen und Butterplätzchen, die nun auf dem Tisch zum Verzehr bereit stehen. Die Betätigung als Weihnachtsbäcker war eine neue Erfahrung für den Südamerikaner, in seinem Land gebe es eben andere Bräuche als hier. Doch hat ihn das Weihnachtsgebäck dermaßen überzeugt, dass er seiner Familie in Kolumbien gleich ein Paket zukommen ließ.

Seit Februar sind die Austauschschüler in Haßfurt bei drei Gastfamilien untergebracht. Beide Seiten nehmen teil am Austausch der Organisation "AFS Interkulturelle Begegnungen", die weltweit als größte und älteste Jugendaustauschorganisation gilt. "AFS macht süchtig", sagt Monika Vogel vom AFS-Komitee Würzburg. Sie ist seit knapp fünf Jahren im AFS-Team und zuständig für die Region Haßberge. "Momentan haben wir wieder eine heiße Phase", so Vogel, "im Februar erwarten wir unsere neuen Austauschschüler."

Das Problem: Noch fehlen Gastfamilien - ohne die erhalten die Jugendlichen kein Visum. Oftmals wären viele Familien unsicher, was sie erwartet, doch könne man in einem Gespräch die meisten Zweifel ausräumen, erklärt Vogel: "Es ist ein besonderes Erlebnis nicht nur für die Jugendlichen, die eine neue Sprache und Kultur kennenlernen, sondern auch für die Gastfamilien. Auch sie erfahren Neues." Monika Vogel muss es wissen: Vor fünf Jahren ist ihre Tochter mit dem Programm ins Ausland gegangen, seitdem ist sie dabei und vermittelt begeistert Gastfamilien an ausländische Schüler.

Weitere Informationen bei Monika Vogel unter Tel. (0 93 67) 98 79 91 oder im Internet unter www.afs.de

Quelle: Mainpost vom 18.12.2008