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"337 Tage in Kolumbien"=> eigene Homepage von Judith

Unsere Judith in Kolumbien hat im Internet ein eigenes öffentliches Tagebuch.
Link auf die externe Internetseite: 

http://337tageinkolumbien.blogspot.de/

 

 

 

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Hier ein sehr interessanter und kurzweiliger Bericht von Judith über ihr Freiwilligenjahr in Kolumbien:

 

"Seit 9 Monaten leiste ich einen Freiwilligendienst mit dem staatlichen Programm IJFD in Kolumbien und es ist wirklich schwierig diese Zeit in einer Din A 4 Seite zu beschreiben.

 

Mit 16 Jahren war ich bereits mit dem AFS zum Schulauslandsjahr in Thailand und nach dem Abitur, 2 Jahre später, am 25. August 2011 zog es mich wieder in die Ferne, diesmal nach Kolumbien, dem Land, das die meisten nur mit Guerilla und Drogen verbinden, das aber so viel mehr zu bieten hat. 

Wie auch beim Schülerprogramm lebe ich in einer Gastfamilie, der große Unterschied ist jedoch, dass ich nicht zur Schule gehe, sondern in einem sozialen Projekt arbeite. Wir sind zirka 50 Deutsche in ganz Kolumbien und arbeiten in verschiedenen öffentlichen Institutionen. Die meisten in Schulen, einige mit Kleinkindern, Behinderten, Senioren oder in Umweltprojekten. Ich bin in der nationalen Institution "Bienestar familiar", die sich um Kinder bis 5 Jahre kümmert. 

Das erste halbe Jahr lebte ich in Popayan, im Süden des Landes, einer weißen Kolonialstadt inmitten von Wald. 150 km trennten mich in dieser Zeit von der nächsten größeren Stadt. Der Cauca, das Gebiet dessen Hauptstadt Popayan ist, ist dank seiner strategischen Lage im Süden und den bergigen Gegenden einer der Hauptsitze der Guerilla. Die FARC vertreibt viele Bauern aus ihren Dörfern, so gibt es eine große Landflucht und all diese Leute kommen nach Popayan. Ich arbeitete dort in einem Kindergarten für Kids, die aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Auch schicken viele Eltern ihre Kleinkinder in der Hoffnung auf eine besser Zukunft in die Stadt zu Freunden oder Verwandten. Die wollen diese Kinder aber oftmals nicht oder können sie schlichtweg nicht ernähren. Mein Projekt war für sie eine Anlaufstelle und bot ihnen kostenlose Betreuung und vor allem Ernährung. Ich arbeitete in einer Gruppe von 4-5jährigen, habe mit ihnen gespielt, sie auf die Schule vorbereitet und sie zum Essen gebracht. Man könnte ja meinen, unterernährte Kinder würden sich aufs Essen stürzen, aber leider haben sich viele das Essen einfach abgewöhnt oder ihnen wurde zu Hause erklärt, dass Nahrungsaufnahme etwas schlechtes ist und hässlich macht. Was sagt sonst man einem hungrigen 4jährigen, wenn es nichts daheim gibt? So haben wir fürs Mittagessen meist 1,5 Stunden gebraucht und es war ein täglicher Kampf. Doch mehr noch als Nahrung brauchen diese Kinder Zuneigung, eine Umarmung, einen Spielpartner oder ein liebes Wort.

Im Dezember wurde der Cauca vom auswärtigen Amt zur roten Zone erklärt und aus diesem Grund ordnete die deutsche Botschaft an, dass wir 8 Deutsche unsere nächsten 6 Monate in anderen Städten verbringen sollen. Für uns war es ein Schock, schließlich hatten wir uns gut eingewöhnt, Freunde und eine Familien gefunden, auf der anderen Seite war es aber auch eine neue Chance, eine neue Stadt, neue Leute und neue Projekte kennen zu lernen.

 

Mein neues Zuhause ist nun Duitama, ein krasser Gegensatz. Eine ruhige Kleinstadt nahe Bogota auf knapp 3000 m Höhe, mit viele Möglichkeiten zu Ausflügen in der Gegend und vor allem ohne Guerilla.

Hier arbeite ich in einem Kindergarten für arme Kinder, die meisten von Bauern aus dem Umland. Die Kinder sind unterernährt und vernachlässigt. Hier haben wir eher das Problem, dass die Mädchen mit 15 ihr erstes Kind bekommen, vom Kindsvater verlassen werden, ohne Arbeit und vollkommen überfordert sind. So landen die meisten Sprösslinge bei ihren Großeltern und werden von diesen erzogen. In meiner Gruppe betreue ich 34 Kinder im Alter von 3 Jahren. Das Einkommen der Erziehungsberechtigten beträgt zwischen 0 und 100 Euro. Davon kann man auch hier nicht leben. 

Unsere Arbeit ist aber nicht nur Kinderbetreuung, sondern wir betreiben auch viel Aufklärung bezüglich der Erziehung für die Eltern. Viele schlagen ihre Kinder, weil sie nicht mit ihnen fertig werden und das führt dazu, dass die Kleinen aggressiv und schwierig werden, weshalb die Eltern noch mehr Gewalt anwenden. So sind viele schon mit ihren 3jährigen in diesem Teufelskreis gefangen. 

Meine Arbeit benötigt viel viel viel Geduld, mit den Kindern sowie mit den Eltern/Großeltern. Aber ich werde auch jeden Tag dafür belohnt mit einem strahlenden Gesicht, einer Umarmung oder Küsschen.

 

Es ist eine wunderbare Erfahrung und ich bin an meinen Erlebnissen hier sehr gewachsen. Obwohl es nicht immer einfach ist, bin ich froh hier zu sein und kann nur alle anderen dazu ermutigen, sich zu diesem Schritt zu entscheiden.

 

Viele fragen sich, ob so ein Freiwilligendienst überhaupt einen Nutzen für das Land und die Leute bringt. Ich verändere hier bestimmt nicht die Welt und es mag sein, dass mein Tun hier manchmal nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, aber wenn dann ein Kind morgens strahlend auf mich zugerannt kommt, dann hat es sich alleine dafür schon gelohnt."