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Mal wieder etwas aus China

 

20.02.2011

Ich wünsche euch an fröhliches neues Jahr des Hasen!

Gerade vor drei Tagen sind die Feierlichkeiten zum Neuen Jahr zu Ende gegangen und ich schreibe gleich - auch wenn im Moment auf der Arbeit der Bär tobt :) -, denn jetzt sind die Erinnerungen noch relativ frisch!

Vorwegnehmen möchte ich, dass das chin. Neujahr zwei Wochen dauert. Es beginnt mit Silvester (dieses Jahr am 2.2.) und endet mit dem Yuanxiao Fest (dieses Jahr am 17.2.). Es ist das wichtigeste Fest in China, vergleichbar mit dem Stellenwert von Weihnachten bei uns. Es ist ein Fest der Familie. Und was das bedeutet, das konnte ich dieses Jahr am eigenen Leib erfahren.

Manche erinnern sich vllt noch, wie ich bei meinem letzten Aufenthalt in China von diesem Fest berichtete - meine Fahrt nach Xi'an, wo ich das Verkehrschaos erleben konnte und mehr als 2 Tage im Zug verbrachte; dann die Feiertage mit meiner Gastfamilie und mein Resume, dass dieses Fest v.a. viel essen bedeutet und ich gefühlsmäßig nicht nachvollziehen kann, warum es den Chinesen so viel bedeutet, eine Tradition eben, mit der ich nicht groß wurde, ebenso wie es vielen Chinesen mit Weihnachten wohl auch geht.

Dieses Jahr konnte ich eine völlig neue Erfahrung machen und es war ein wirklich großartiges und einmaliges Erlebnis, für das ich sehr dankbar bin. Durch den Familienwechsel im Januar musste ich meine Pläne, am Neujahr nach Guangzhou zu meinen Freunden, die ich seit 3 Jahren nicht gesehen habe, zu fahren auf April/Mai verlegen. Denn ich hatte an Neujahr ja nur eine gute Woche frei und es wäre nicht höflich gewesen, nicht mit der neuen Familie zu feiern.

Die Familie kommt ursprünglich aus Jiangxi, einer ärmeren Provinz Chinas. Am Sonntag, 31.1., erfuhr ich plötzlich, dass es am Montag auf nach Jiangxi gehen würde. Also sagte ich alle geplanten Termine ab, packte meine Sachen und am Montag gings dann los. Für wie lange, das konnte mir keiner sagen, denn da wir mit dem Auto fuhren, waren wir ja flexibel! Ich dachte zunächst, dass die Autofahrt angenehmer sei, denn so würden wir den Menschenmassen in den öffentlichen Verkehrsmitteln ausweichen. Dem war nicht so - aus zwei Gründen: 1. Auf der Autobahn war stellenweise auch die Hölle los. Hat schon mal jemand ganze zwei Stunden an einer Tankstelle mit etwa 10 Zapfhähnen auf eine Tankfüllung für 10 Euro gewartet? Wir taten das. Als wir endlich vorne ankamen, erfuhren wir, dass jeder nur für 10 Euro tanken durfte, da es sonst zu lange dauern würde. Mit unserem großen Auto kamen wir damit natürlich nicht sehr weit! (Hier ist das Benzin zwar billiger, aber bei 10 Euro kommt trotzdem nicht so viel heraus!). 2. Wir nahmen einen Teil der Familie meiner Gastmutter mit zurück. Das bedeutete 7 Stunden Fahrt in einem Siebensitzer (ohne Kofferraum) zwischen Gepäck für eine Woche - zu neunt. Es waren zwar auch kleine Kinder unter den neun Personen, doch durch ihren Bewegungdrang und das Halligalli, das kleine Kinder im Auto eben machen, relativierte sich das wieder. Doch während dieser Fahrt kam bei mir das Gefühl des Festes etwas herüber- alles wird mobilisiert, um nach Hause zu kommen ; die Aufbruchsstimmung mit guter Laune.

Es gäbe tausend Kleinigkeiten wie die Feuerwerke schon auf dem Weg dorthin - zum "kleinen Neujahr", das vor dem am 3.2. gefeiert wird (auch eine Woche lang) zu erzählen, doch das würde hier zu weit führen. Ich versuche, das Wichtigste der Tage dort zusammenzufassen und das Gefühl herüberzubringen.

Die ersten zwei Tag waren wir in der Heimat meiner Gastmutter, besuchten dort Verwandte und Freunde. Es war sehr kalt und keine Heizung vorhanden. Die Zustände hier waren nat. insgesamt auch ärmlicher, aber noch durchaus ok. Es gab sehr viel Essen die ganze Zeit und Feuerwerke - diese wurden in ganz China wohl für zwei Wochen Tag und Nachts ständig abgefeuert. Besonders am Silvester natürlich - wo ich in einer Hochburg der Feuerwerkproduktion war. Der Lärm war unglaublich, man denkt, es herrscht Krieg. Es beginnt morgens um 7/8 Uhr und endet nachts um 1/2 Uhr.
Am Silvester war die ganze Familie meiner Gastmutter im Haus des Großvaters und es wurde gemeinsam gegessen. Es war nett. Ich hatte den ganzen Tag auf meine dreijährige Gastschwester und ihre gleichaltrige Cousine aufgepasst - das ist bei zweien ohne Spielmöglichkeiten dort nicht so einfach, denn sie sind beide sehr verwöhnt und man muss aufpassen, dass sie sich nicht in die Haare kriegen! Es war dann angenehm, etwas Zeit mit den Erwachsenen zu verbringen - und ich konnte gleichzeitig Pluspunkte bei der Gastoma gewinnen, die mir Ausländerin, die auf Kosten ihrer Tochter lebt, nicht besonders wohlgesonnen war. Ich bemühte mich sehr und am Ende des Neujahres hatte ich es geschafft, dass sie mich akzeptierte.
Nach den zwei Tagen dort, fuhren wir in die Heimat meines Gastvaters. Er hat 6 Geschwister und stammt aus sehr ärmlichen Verhältnissen auf dem Land. Wärend der folgenden Tage besuchten wir also alle Verwandten und luden sie zu uns ein (die Familie hat dort eine eigene Wohnung). Ich sah sehr viele ärmliche Verhältnisse auf dem Land - doch noch bei weitem nicht das Ärmste in China. Es war sehr interessant und ich fühlte mich wohl. Ich merkte mal wieder, dass ich ein Landei bin und nicht in die Stadt gehörte. Die Natur ist hier zwar auch verschmutzt, weil es Fabriken gibt, aber es war trotzdem das Gefühl von Natur und Dorf da. Auch hier wurde viel gegessen, sich unterhalten und gespielt. Das war wohl die Hauptbeschäftigung: Karten und Majiang (ein typisches chin. Spiel) gegen Geld zu spielen. Ich wurde in die Regeln eingewiesen und konnte mit den Kindern ohne Geld spielen. Denn die Erwachsenen verspielten teilweise in einer Woche bis zu 800 Euro - was ich krass finde, wenn man bedenkt, um wie viel sie ihre Verhältnisse mit diesem Geld verbessern könnten (z.B. eine Wohunung kaufen). Ich lernte die Familienverhälnisse kennen und wurde vertrauter mit meiner Gastfamilie - es war wirklich gut, um sich gegenseitig besser kennenzulernen. An einem Tag bestiegen wir einen Berg. Wir wanderten 10 h Treppen herauf und herunter.

Im Januar, als wir die AFS- Auswahl für die neuen Austauschschüler gemacht hatten, hatten wir eine Wertediskussion mit den Auswahlkandidaten gestartet. Und worüber sich eigentlich alle Chinesen einig waren, war, dass Familie an erster Stelle steht. Das konnte ich in dieser Woche wirklich erfahren. Die ganze Familie des Gastvaters lebte praktisch auf den Kosten meiner Gastfamilie. Alle Eintritte, das Essen,... wurde von ihnen bezahlt. Sie duschten und schliefen in deren Wohnung, weil es da besser war. Außerdem gibt meine Gastfamilie ihnen Arbeitsplätze und Geld, sich Häuser zu bauen,... Es ist wirklich unglaublich, was da von meiner Gastfamilie geleistet wird - auch sie haben sich ja hoch gearbeitet und stammen nicht aus wohlhabenden Verhältnissen. Vor allem meine Gastmutter wusste, wie man am besten wirtschaftet und wie man es schafft, erfolgreich nach oben zu kommen. Ich war beeindruckt davon. Gleichzeitig ist ihr Geld aber nicht so wichtig und sie möchte gar nicht zu viel davon haben - so viel, dass sie jetzt eben gut leben kann und sich nichts mehr vom Mund absparen muss - im wahrsten Sinne des Wortes. Sie helfen den Verwandten wirklich sehr -doch erfahren nicht viel Dankbarkeit dafür. Es scheint selbstverständlich zu sein. Meine Gastmutter erzählte mir auch, dass sie die Verwandtschaft nicht so gerne hat - doch ohne zu murren wird das Geld trotzdem gegeben. Ich habe ein paar krasse Geschichten über frühere Geschehnisse gehört,  für die ich meine Gastmutter noch mehr achte. Sie ist ein sehr ausgeglichener Mensch, nimmt die Dinge wie sie kommen und macht das beste daraus.

In Jiangxi sind in der Regel keine Ausländer. Das bedeutete für mich nat. wieder das übliche "Hello?!?!", usw. Aber es bedeutete auch, dass ich das Ausland repräsentierte und ausgequetscht wurde von den Verwandten, die wirklich nicht viel wussten. Schon in Shanghai wurde mir klar, dass meine Gastfamilie noch nie mit Ausländern Kontakt hatte und fast nichts wusste. Doch dort war es noch stärker. Ich erzählte viel und versuchte, den bestmöglichen Eindruck auf sie zu machen :). Es bedeutete aber auch, dass alles eben so lief, wie es in China normal läuft und nicht besonders Rücksicht genommen wurde - das freute mich! So hatte ich diese Woche lang praktisch keine Privatsphäre und Privateigentum wurde nicht geschätzt. Wie schon gesagt, wurde ja einfach in der Wohnung meiner Gastfamilie geschlafen und geduscht, gekocht und gegessen...So schliefen wir in dieser Woche mindestens zu dritt und höchstens zu sechst in zwei Betten. Und wenn ich Privatgegenstände irgenwo herumliegen ließ, konnte ich mir sicher sein, dass sie von andren verwendet oder umfunktioniert wurden - so z.B. das Handy. Ich lernte also, Dinge, die mir wichtig sind, immer bei mir zu tragen und mich nicht über Tohuwabohu um mich herum ( in chin. ein positiver Begriff: 热闹) zu stören. Ich lernte, auch dann zu schlafen, wenn ich mich nicht drehen konnte und noch geredet wurde (ich bin stolz, dass ich wirklich nur eine Nacht lange nicht schlafen konnte, weil es wirklich zu eng war). Ich lernte, mich trotz viele Menschen und kleine tobenden Kindern um mich herum, ausruhen und entspannen zu können - meine innere Ruhe eben beizubehalten. Und ich lernte sehr viel Geduld. Der Prozess war nat. nicht immer einfach - machmal hätte ich verzweifeln können, weil abends wieder keine Ruhe war, weil ich wieder ewig auf etwas warten musste oder weil ich wieder etwas für einen Moment herumliegen lassen hatte und es so umfunktioniert wurde. Doch durch die nette und ausgeglichene Art meiner Gastmutter und dadurch, dass mir bewusst war, welch einmalige Situation dies war, hielt ich durch und bin jetzt stolz, dass mich gegen Ende die Umstände nicht mehr störten, dass ich mich sogar begann, darin wohlzufühlen, wenn um mich herum viele los ist und es nicht so ruhig ist. Denn die Ruhe und Privatsphäre ist ja eigentlich ein riesiger Luxus. Und wenn man es schafft, die Ruhe einfach in sich zu tragen und nicht außen zu suchen, dann ist man noch viel flexibler und unabhängiger, denn egal wo man ist, man hat sie dabei! Es war eine großartige Chance, dies zu lernen!

Ich hatte wärend dieser Zeit kein Internet. Das genoss ich sehr, da ich viel lesen konnte und einfach mal nicht an den PC musste. Doch als ich dann zurück kam, war viel zu tun. Meine Email-Postfächer waren voll. Auf der Arbeit war auch viel zu organisieren und liegengebliebenen Arbeit aufzuholen. Und nebenbei organisieren wir für unser Million Tree Projekt ein Film Screening von "Jane's Journey", hinter dem auch sehr viel arbeit steckt. Es findet nächstes Wochenende statt und im Moment ist meine größte Sorge, dass nicht genug Menschen kommen. In meiner nächsten Rundmail werde ich genauer davon berichten.

Jetzt möchte ich meine einzigen freien Tag diese Wochen noch genießen und mich etwas ausruhen! Ich freue mich sehr, von Euch/Ihnen zu hören!

Viele Grüße,
Theresa