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MainPost, 23.06.2011

GEROLZHOFEN

Mehr als 60 Schüler in einer Klasse

Gastschülerin Xingue Cheng erzählt von großen Unterschieden in China und Deutschland

Hierzulande regen sich Eltern, Lehrer und auch Schüler über zu große Klassen auf. 30 junge Leute oder mehr in einem Klassenzimmer – wie soll da ein Lehrer noch individuell auf jeden eingehen können? Xingue Cheng aus China kann über solche Luxusprobleme nur müde lächeln. Bei ihr zuhause ist es normal, dass mehr als 60 Schüler in einer Klasse sitzen.

Die 16-Jährige aus der Gegend von Shanghai ist zurzeit Gast am Gymnasium Gerolzhofen. Sie besucht die 10. Klasse und nimmt am Unterricht in allen Fächern bis auf Wirtschaft teil. "Alle sind so nett und haben mich sofort aufgenommen", sagt das aufgeweckte Mädchen, das stets ein Lächeln im Gesicht hat.

Lustige Verwechslungen

Apropos Mädchen: Xingue kann nicht verstehen, dass es im Deutschen "das Mädchen" heißt, obwohl ein Mädchen doch weiblich ist. Die deutsche Sprache zu lernen, ist der Hauptgrund, warum sie hierhergekommen ist und seit März in Gerolzhofen lernt. Trotz aller grammatischen und Wortschatz-Widrigkeiten, die diese Sprache birgt, ist Xingue schon nahe daran, perfekt deutsch zu sprechen. Auch wenn es immer wieder mal lustige Verwechslungen wie "Schlafzeug" statt "Schlagzeug" gibt. Als Xingue im vergangenen Herbst nach Deutschland kam - das erste halbe Jahr verbrachte sie in einer Schule bei München -, hatte sie noch keinerlei Deutschkenntnisse. In China gibt es bei den Fremdsprachen nur Englisch als Pflichtfach.

An das Schulleben in Deutschland hat sich Xingue erst gewöhnen müssen. Die Unterschiede sind schon gravierend. Gewundert hat sie sich am Anfang über die lockeren Umgangsformen zwischen Schülern und Lehrern. In China läuft das alles viel distanzierter und auch disziplinierter, hat sie schnell festgestellt. Und obwohl es auch am Gymnasium Nachmittagsunterricht gibt, ist ein Schultag hier immer noch viel kürzer als daheim. "Bei uns beginnt die Schule um 7.30 Uhr und endet um 18.30 Uhr. Vormittags gibt es eine halbe Stunde Pause, mittags zwei Stunden", erzählt die Chinesin weiter.

Prinzipiell, so Xingue, ist das Freizeitverhalten in Deutschland viel öffentlicher als in China. Hier kommen die Menschen viel häufiger zu Festen und Feiern zusammen, befindet sie. Besonders angetan hat es ihr dabei bisher das Weinfest in Nordheim.

Unvermeidlich natürlich die Frage nach der Meinungsfreiheit in China. Dazu die junge Chinesin ganz entschieden: "Es ist nicht so, dass wir nichts sagen dürfen. Nur so richtig schimpfen oder jemanden persönlich beleidigen dürfen wir nicht." Außerdem gebe es in China auch die allgemeine Reisefreiheit.

Sie liebt die deutsche Weihnacht

Natürlich ist in Deutschland auch geografisch alles viel kleinräumiger als in China. Wenn Xingue sagt, sie stamme aus der Nähe von Shanghai, dann bedeutet das drei Stunden Zugfahrt von ihrem Heimatort Hefei bis in die südchinesische Metropole.

Warum ist Xingue nun ausgerechnet nach Deutschland gekommen? "Zuerst wollte ich eigentlich in ein englischsprachiges Land, doch mein Vater war schon in Deutschland und erzählte mir, dass das ein schönes Land mit freundlichen Menschen ist", begründet die Chinesin ihre Entscheidung. Über die Austauschorganisation American Field Service (AFS) kam sie dann nach Deutschland.

Obwohl Xingue keiner Religion angehört, hat sie der immer noch christlich bestimmte Jahreslauf hierzulande beeindruckt. "Am schönsten ist die Weihnachtszeit mit den vielen Märkten und dem guten Essen", sagt sie. Auch zu Ostern habe es Spaß gemacht, ein extra für sie verstecktes Osternest zu suchen.

Am Essen in Deutschland hat Xingue nicht viel auszusetzen. Nur "roher Fisch in dieser weißen Soße" (gemeint sind Matjes) oder gemischter Salat sind nicht so ihr Fall.

Inzwischen hat sich die Chinesin auch schon am Gymnasium nützlich gemacht. In den 5. Klassen wurde sie selbst zur Lehrerin und führte die Schüler in die geheimnisvolle Welt der chinesischen Schriftzeichen ein. Und die Namen ihrer Mitschüler hat sie schon ins Chinesische übersetzt. "Die haben alle sehr schnell gelernt", stellt sie ihren Mitschülern ein gute Zeugnis aus. So kommt es inzwischen schon vor, dass man sich am Gymnasium mit einem chinesischen "n ho" (Hallo) begrüßt.

Am 8. Juli wird Xingue ihrer Gastfamilie Laufer aus Frankenwinheim und dem Gerolzhöfer Gymnasium Wiedersehen sagen. Dann kehrt sie zurück ins Reich der Mitte, wo sie sich schon bald entscheiden muss, ob sie ein Studium der Journalistik, der Geschichte oder einer Sprache aufnimmt.

American Field Service

Der American Field Service (AFS) ist eine der führenden Austauschorganisationen weltweit. Wer sich vorstellen kann, ebenfalls einen Jugendlichen aus einem anderen Land für ein Schuljahr bei sich aufzunehmen, meldet sich bei regionalbuero-sued@afs.org oder lokal bei Marita Helferich, Tel. (0 97 21) 2 78 44, Email: helferich-sw@t-online.de. Bewerben können sich Familien, Paare ohne Kinder und Alleinerziehende. Einzige Voraussetzung ist das ehrliche Interesse an anderen Menschen und Offenheit gegenüber Neuem. Fremdsprachenkenntnisse werden nicht erwartet, schließlich wollen die Jugendlichen bei ihren Gastgebern und in ihrer Schule Deutsch lernen. Bei der Vermittlung achtet AFS auch darauf, dass der Schüler von seinen Interessen her zur Gastfamilie passt. Weitere Informationen gibt es unter www.afs.de/gastfamilie

Von unserem Redaktionsmitglied Norbert Finster