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Schon fast 2 Monate sind vorbei--- unglaublich!!

Ein Bericht aus China von Theresa

 

Hallo nach Deutschland!

Ich möchte mich als erstes Mal für euere Hilfe bedanken! Ich habe viele Antworten auf meine Frage bekommen und hoffe, dass ich es mit eurer/Ihrer Hilfe schaffen werde, den Ehrenamtlichen in Shanghai das Engagement im Altenheim etwas schmackhafter zu machen! Ich bin gerade noch dabei, ein Event zu diesem Thema zu organisieren. Wenn es stattgefunden hat, werde ich davon berichten. Auch morgen werde ich wieder ins Altenheim gehen. Und ich muss sagen, ich gehe gerne dort hin. Es ist jedes Mal ein anderes Erlebnis und ich kann den Menschen dort so leicht so viel geben - und bekomme gleichzeitig viel zurück. Meine Kolumnen erscheinen in der Zeitung wohl mit etwas Verzögerung, daher schaut einfach bei Interesse ab und zu mal auf www.mainpost.de/ueberregional/dailyx/theresainchina/ . Ich habe auch dazu einen Artikel geschrieben. Die alten Menschen hier beeindrucken mich in allen Bereichen. Sie haben so ausdrucksstarke Gesichter und sind meist körperlich noch so fit - das ist unglaublich. Das letzte Mal im Altenheim, als ich mich vorstellte, wollten sie gleich, dass ich ihnen etwas vormache. Also habe ich gesungen - auf deutsch und auf chinesisch. Dann sagte ein alter Mann, ich solle einen chin. Tanz machen. Ich lernte ihn schnell - entgegnete aber, dass ich keine Musik hätte. Also sang der 85jährige Mann ein chin. Lied, ich tanzte und alle anderen klatschten begeistert im Takt! Ein wirklich schönes Erlebnis. Auf dem Gang im Altenheim kommen mir alte Menschen entgegen und strahlen mich einfach an. Und es macht eigentlich nichts, dass ich sie oft nicht verstehen kann, weil sie kein Mandarin können. Und wenn es dann doch mal einer kann und zu mir kommt, mit strahlendem Gesicht und funkelnden Augen, und im starkem Akzent, aber sich bemühend, so deutlich wie möglich zu sprechen, und sagt "Dein Chinesisch ist wirklich gut!" , dann freut das mich sehr.

In einer Behinderteneinrichtung hielt ich einmal einen Vortrag über Deutschland. Als ich auf den Fußball zu sprechen kam, da stand ein junger Mann auf, und sagte mir alle Fußballer der dt. Nationalmannschaft auf und danach auch noch ehemalige. Das beeindruckte mich sehr! Ein Mädchen dort antwortete mir immer in Englisch - eine große Leistung für sie. So gibt es viele kleine Momente auf der Arbeit, die einen Tag schön werden lassen.

Hauptsächlich bin ich aber im Büro. Auch wenn die Arbeit dort mal sehr eintönig sein kann - z. B. den Kalender updaten - genieße ich die Atmosphäre dort. Jeden Tag mittags spielen wir ein Spiel gemeinsam - Teambuilding! Und dadurch dass wir alle in einem kleinen Raum sind, haben wir auch während der Arbeit Spaß, machen Scherze,...

Von einigen wurde ich über das Klima hier gefragt. Also insgesamt glaube ich, dass es wärmer ist als in Deutschland. Doch auch hier gibt es 4 Jahreszeiten. Weil wir nahe am Meer sind, weht immer ein relativ starker Wind. Es ist relativ ungemütlich, denn es gibt immer Temperaturstürze. Also zunächst hatten wir von einem auf den andere Tag von 35°C auf 25°C. Das klingt zwar immer noch warm, aber 10°C Unterschied, ist trotzdem relativ ungemütlich. Dann vor etwa einer Woche kamen dann die nächsten 10°C, sodass wir jetzt etwa bei 10-15°C sind. Die Luft ist feuchter und es regnet relativ viel.

In der Stadt herrscht wie in jeder chin. Großstadt viel Smog. Doch manchmal kann man den blauen Himmel und die Sonne sogar richtig sehen. Ich denke, das kommt von der Nähe am Meer. Die Stadt hat natürlich zwischen den ganzen Hochhäusern auch mal einen Park, und es erstaunt mich immer, wie ruhig es dort dann plötzlich ist. Doch insgesamt ist es natürlich Großstadt - das heißt sehr wenig Natur.

Umso mehr freute ich mich, dass ich während der Ferien wegen des Nationalfeiertages zum Huangshan reisen konnte. Erst mal noch kurz zum Nationalfeiertag. Das ist natürlich ein großes Ding in China und alle haben da frei - das heißt, dass die Straßen und sonst auch alles übervoll ist. Außerdem hängen überall -aber wirklich überall - chin. Flaggen. An dem Tag direkt blieb ich lieber zu Hause - denn ich brauche das Bad in der Masse nicht unbedingt. Einen Tag danach ging ich mit meinem Gastvater ins Museum und er erklärte mir sehr viele Dinge - er ist ein Experte auf dem Gebiet von antiken chin. Gegenständen. Unter anderem sind in dem Museum auch Möbel von der Familie meiner Gastmutter aus der Qing-Zeit.

Ja und jetzt zu meiner Reise. Es war super, ich genoss es in vollen Zügen, denn wir reisten richtig Chinesisch - und dann auch noch auf studentische Art und Weise, d.h. so billig wie möglich! Die Hinfahrt starteten wir am Montag Nachmittag. "Wir", das waren mein First Friend (eine Art erster Ansprechpartner in China, eine Studentin in Shanghai), eine Mitstudentin von ihr, eine Frau aus dem Roots&Shoots-Büro und Ich. Per Zug ging es 13h zum Huangshan. Ich liebe es, im Zug in China zu fahren, noch dazu über Nacht. Wir stießen gleich auf eine Gruppe anderer Studenten, denen wir noch mehrmals begegnen sollten. Es war schön, sich zu unterhalten, herumzualbern und in Mitten von Chinesen zu sein. Am nächsten Morgen als wir angekommen waren fuhren wir dann gleich los in das erste Tal. Es war ein Tal, wo sehr viel Bambus wächst. Ein Fluss schlängelte sich hindurch. Sehr sehr schön! Ich genoss die Natur nach all der Großstadt! Während wir wanderten, unterhielten wir uns über Gott und die Welt (auf chinesisch: 东南西北地聊). Die Strecken zwischen den einzelnen Orten überquerten wir immer per Bus oder in privaten Minibussen. Natürlich wurde da immer erst mal verhandelt. Doch die Leute dort waren alle super nett und hilfsbereit - keiner schlug uns übers Ohr. Die Fahrten waren immer aufregend. Auf kleinen Straßen in klapprigen Bussen! Am Nachmittag fuhren wir in ein kleines, trad. Dorf. Es war wirklich ein schöner Anblick. Natürlich waren viele Touristen dort - noch dazu wegen der Ferien. Aber ab und zu ging ich in kleine Gassen abseits der Route und war plötzlich alleine. Wir erkundeten diesen Ort den ganzen Nachmittag und gingen abends bald schlafen. Am nächsten Morgen 4.30Uhr gingen wir los. Mit all unseren Sachen und etwas warmer Sojamilch saßen wir früh in einem Minibus und fuhren zum Huangshan, den wir an diesem Tag besteigen wollten. So betrachteten wir den Sonnenaufgang. Ein paar Worte vllt. zum Huangshan. Es heißt übersetzt "Gelber Berg", ist aber eigentlich ein ganzer Gebirgszug. Es gibt ein Sprichwort:五岳归来不看山,黄山归来不看岳。 Das bedeutet: Wenn man von den 5 "Yue" (die 5 schönsten Berge in China) kommt, schaut man sich keine normalen Berge mehr an. Wenn man vom Huangshan zurückkommt, dann schaut man sich die 5 Yue nicht mehr an. Es wird also gesagt, dass es der schönste Berg Chinas ist. Deshalb wollte ich dort auch unbedingt mal hin! Wir begannen also am Morgen das Gebirge zu erklimmen. Weil wir so früh dran waren, waren nur sehr wenige Menschen unterwegs. Es war sehr schön fast mit der Natur allein zu sein. Ab und zu begegneten wir anderen Chinesen, mit denen wir einen Teil des Weges zurücklegten und uns unterhielten. Ich genoß es, mich einfach mit ihnen unterhalten zu können! Man lernt so viel über Land und Leute! Bergsteigen hier hieß Treppensteigen, da es wegen der Schönheit ein Touristenmagnet ist. Bei den ersten ausgewiesenen Ausblickspunkten angekommen waren dann sehr viele Menschen. Doch wir fanden immer auch Orte, wo es ruhiger und leerer war. Das Wetter war herrlich, die Sonne schien den ganzen Tag! Wir verbrachten den ganzen Tag dort und machten eigentlich nur Mittags eine kurze Pause. Am Abend um 18Uhr kamen wir wieder unten an. Wir waren auf etwa 1900m Höhe gewesen. Es war sehr sehr anstrengend, doch wir waren alle sehr zufrieden und glücklich. Was mich neben dem Ausblick beeindruckt hatte, waren zum einen wieder ein paar alte Menschen, die trotz ihres Alters noch den Berg bestiegen. Genauso ging es mir bei ein paar kleinen Kindern. Und dann waren da noch die Lastenträger, die teilweise 100kg den Berg hinauftransportierten (eine Holzstange auf den Schultern und rechts und links dann die Güter, die sie hochbringen mussten). Ihr hättet mal die Waden sehen müssen! Und es gab noch "Retter", sie trugen zu zweit Menschen hoch/runter, die nicht mehr konnten. An dem Abend besuchten wir dann noch die Stadt Huangshan, wo wir auch übernachteten. Dort hatten wir unser Abschiedsessen und am nächsten Tag ging es mit dem Bus (5,5h) zurück. Es war eine sehr schöne Zeit, die Natur, die Menschen, die Erfahrungen!

Meine Mail ist schon wieder so lange, aber ich habe noch zwei Dinge, die ich auf jeden Fall noch schreiben möchte, auch wenn es noch tausend mehr Sachen gäbe.

Das erste ist die Geschichte, der Familie meiner Gastmutter (sie heißt Ying). Denn ich glaube, dass es immer noch etwas unklar ist. Und außerdem habe ich da noch etwas mehr, sehr interessantes herausbekommen. Ich unterhalte mich abends oft mit ihr und manchmal stundenlange. Es ist sehr schön.

Also ich beginne mit ihrem Urgroßvater. Damals war die Familie eine ganz gewöhnliche Bauernfamilie in der nähe von Shanghai (während der Qing-Dynastie). Doch irgendwann kam es mit den Nachbarn zum Streit um Land. Es kam "vor Gericht" (dort gab es kein Gericht, vielmehr Offiziere, Gelehrte, die entschieden). Yings Familie verlor. Danach fragten sie sich, warum und kamen zu dem Schluss, dass es daran lag, dass sie nicht gebildet waren und nicht richtig lesen und schreiben konnten. Also beschlossen sie, den intelligentesten der Söhne zur Schule zu schicken. Da das sehr teuer war und sie nicht reich, konnten sie nur einen schicken- Yings Urgroßvater. Auf ihm lastete ein großer Druck und er lernte sehr sehr eifrig. Irgendwann kam die große landesweite Prüfung und er bestand sie sehr gut. Daher sollte er vom Kaiser eine Auszeichnung (auch andere bekamen sie) bekommen. Es muss noch gesagt werden, dass er durch das viele Lernen eine sehr dicke Brille hatte und sehr schlecht sah. Nach der Zeremonie fragten ihn alle Verwandten: Und, du hast den Kaiser gesehen, oder? Er antwortete: Nein, aber er mich! Denn er musste für die Übergabe seine Brille abnehmen und konnte den Kaiser daher nicht erkennen! Später arbeitete er als Offizier und ging mal eine Zeit nach Japan. Yings Großvater bekam auch eine sehr gute Ausbildung und war Richter. Da es mit der Qing-Dynastie aufs Ende zu ging und alles morbide war, konnte man viele Kaiserschätze sehr billig kaufen. Er kaufte reichlich ein (--> Möbel im Museum). Später ging er als Professor nach Harvard. Zurück in China schickte er seinen Sohn auf eine Schule der Kolonialmächte. Dort gab es sehr strenge Regeln und auch die Religion spielte eine wichtige Rolle, doch es war die beste Chance für eine gute Ausbildung. Yings Vater lernte also von klein auf Englisch und wurde Professor. Ying wuchs in Shanghai auf, war aber immer schon in gehobeneren Kreisen, da die Familie recht viel Geld hatte. Ihr Vater ging 1980 nach Amerika um dort zu Unterrichten, sie und ihre Mutter folgten 1986. Ying wollte das, denn in ihrem Umfeld verließen viele Freunde das Land nach der Kulturrevolution. Sie hatte ihre Schulausbildung fertig und hatte schon ein Studium absolviert als sie mit 20 nach Amerika kam. Ihre Eltern entschieden, dass sie in einer amerikan. Familie leben sollte, damit sie die Kultur kennenlernen. Also studierte sie in Boston und lebte bei Amerikanern. Sie studierte Zahnmedizin. Dort lernte sie ihren Mann kennen, der sein Studium schon fertig hatte und arbeitete. Sie heirateten und bekamen 2 Kinder (die automat. die amerikan. Staatsbürgerschaft haben). Sie selbst beantragten sie auch. 1997 kehrten sie nach Shanghai zurück (wegen der Arbeit des Vaters). Yings Eltern sind noch in 'USA, CS (Gastvater) kommt aus Taiwan und seine Verwandtschaft ist dort. Nachdem beide Kinder die Highschool fertig habe, gehen sie vllt. zurück nach Amerika, oder irgendwo anders hin. Sie sind da flexibel. Ying kann es sich überall vorstellen, sie kommt irgendwie mit allem  und jedem zurecht (solange er das richtige Tierkreiszeichen ist ;-)). Und CS braucht nur chin. Essen, dann kann er auch überall leben... Sie bekommen keinen chin. Pass mehr, da die chin. Regierung keine doppelte Staatsbürgerschaft erlaubt, also sind sie jetzt Amerikaner. Die Kinder werden auf jeden Fall in den USA studieren. Ach ja, die Familie von Ying hatte eine Familienchronik, in der alle Geschichten niedergeschrieben waren. Doch während der Kulturrevolution verbrannte sie ein Onkel aus Angst.

So und das letzte, was ich noch erzählen möchte, ist ein Erlebnis an einem Abend in Shanghai: Ich war auf dem Heimweg von der Arbeit, es war schon sehr spät, da wir eine Sache ewig nicht hingekriegt hatten. Wir brauchten eine Stunde länger und ich hatte noch einen 2stündigen Heimweg vor mir. Ich stand an der Bushaltestelle, es regnete und ich hatte keinen Schirm. Der Bus kam ewig nicht. Irgendwann kam ein Chinese an die Haltestelle und ließ mich mit unter seinen Schirm. Ich bedankte mich und wir unterhielten uns. Er stotterte, daher war es nicht so einfach, aber trotzdem schön. Sein Bus kam eher als meiner und er ging. Nachdem ich endlich in meinem Bus saß, fuhr ich eine Stunde. Dann musste ich umsteigen. Wieder wartete ich auf dem Bus und es regnete. Etwa 2m entfernt stand eine Chinesin (nicht, dass wir die einzigen dort waren - an allen Haltestellen sind immer viele Menschen, aber sie ist wichtig!). Sie drehte sich zu mir um und strahlte mich an! Kurz darauf drehte sie sich wieder zu mir um und strahlte mich wieder an, dann hielt sie inne, dachte kurz nach und kam dann kurzerhand zu mir herübergelaufen und ließ mich mit unter ihren Schirm. Wir redeten nicht, warfen uns nur Lächeln zu. Wieder kam ihr Bus eher als meiner. Sie drückte mir den Schirm in die Hand und sagte ich solle ihn nehmen. Ich sagte, nein ,nein, sie solle ihn behalten. Doch sie ließ sich nicht überzeugen. So hatte ich einen Schirm geschenkt bekommen! Jedes Mal, wenn ich ihn jetzt aufspanne, denke ich mit einem Lächeln an diesen Abend! Und als ich dann die 2. Stunde im Bus heimfuhr kam mir noch ein Erlebnis in den Sinn. Etwa zwei Wochen zuvor kam ich an eine Ampel und sie wurde gerade rot. Mit mir kamen noch zwei Chinesen dorthin, die die Straße schnell überqueren wollten, da es dar Regnen begann. Doch sie schafften es nicht mehr. Ich hatte einen Schirm und ließ die beiden mit darunter. Ich begleitete sie dann noch zum rettenden Gebäude bevor ich weiterging. Irgendwie bekommt man doch alles um ein Vielfaches wieder zurück!

Natürlich gibt es auch viele egoistische Menschen hier oder welche, die einen anrempeln, unfreundlich sind,... Die gibt es überall. Daher freue ich mich umso mehr, wenn mir so etwas passiert, dass mir jemand hilft, mich darauf hinweist, dass mein Schuh oder meine Tasche offen ist,...oder wenn ich jemandem helfen kann!

 

So, jetzt ist mein Roman für heute beendet, was ich sonst noch alles erzählen wollte, muss ich mir für das nächste Mal aufheben, denn ich muss jetzt unbedingt los zu einem Meeting bei Roots&Shoots. Den Grund werdet ihr wohl in der nächsten Mail erfahren!

Bis dahin alles alles Gute und Liebe nach Deutschland!

祝好!

Theresa